„Wird die Situation für die Schriftsteller, rein wirtschaftlich gesehen, zunehmen ungemütlich?“ hat René Scheu den erfolgreichen Schriftsteller Daniel Kehlmann gefragt:

„Ich fürchte, ja. Die Zukunft gehört vielleicht wirklich dem Kafka-Modell: Brotberuf untertags, schreiben am Abend. Oder natürlich der altbewährten Variante: Der Partner, die Partnerin geht einem Brotberuf nach, man selbst schreibt. Ich denke, wir bewegen uns in diese Richtung. Natürlich gibt’s auch die Literaturpreise und die Live-Auftritte von Schriftstellern, aber letztlich sind beide Institutionen an die Kulturförderung gebunden, und es ist fraglich, wie lange die noch Bestand haben wird.“

René Scheu: Oder der Schriftsteller wird zum eigenen Verleger: Wenn er zweitausend Leser findet, die ihm jeden Monat eine Handvoll Franken bezahlt, bringt er das Buch für seine Peer-Group selbst heraus.
„Absolut. Auch das ist eine legitime Praxis – und sie existiert ja längst.“

René Scheu: Dann bricht aber die ganze Verlags- und Buchhandelsinfrastruktur weg. Wenn ich mir das vorstelle, dann spüre ich gleich einen stechenden Schmerz in der Herzgegend.
„Ja, klar, ich auch. Aber die Branche ist unter Druck. Vielleicht kommt auch alles anders, und wir brüten hier Gedanken aus, die an der realen Entwicklung vorbeigehen. Nur einer Sache bin ich mir wirklich sicher: Was auch immer geschieht, Literatur und Autor werden nicht verschwinden.“
aus: René Scheu „Das Buch wird bleiben“ Neue Zürcher Zeitung 3.10.2018

„Die Langsamkeit fördert die Konzentration. Es hat etwas körperlich Erfreuliches nicht nur die Fingerspitzen, sondern die ganze Hand zu benutzen. Und ja, ich erfülle damit auch meine eigenen Erwartungen: Man fühlt sich am meisten als Schriftsteller, wenn man mit der Hand schreibt.“
René Scheu „Das Buch wird bleiben“ Neue Zürcher Zeitung 3.10.2018

erklärt der „Godfather of Song“ so:

„Lyrik entsteht an einem Ort, den niemand beherrscht und niemand erobert. Anders gesagt: Wenn ich wüsste woher die guten Songs kommen, würde ich mich häufiger dorthin begeben.“
aus seiner Dankesrede für den Prinz-von-Asturien-Preis 2011

„Ausgangspunkt jedes Scheibbeginns ist Neugier, der Impuls: „Ich verstünde gerne besser, ich muss hinübergehen. Wüsste ich viel oder sogar sehr viel, dann ließe ich das Schreiben vielleicht.“
„Mitten im Schreiben lerne ich, wie ich leben muss. Im Schreiben vollzieht sich bei mir das Innehalten, in dem Erfahrung sich zur Einsicht vertieft.“
aus: Rede zur Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises 2018

Andrea Köhler hat die amerikanische Schriftstellerin und Künstlerin zum Erscheinen ihres ersten Werkes gefragt:

In Amerika wird zurzeit der Begriff „Autofiktion“ hoch gehandelt. Wie sehen Sie das Verhältnis von fiktionalem und autobiografischem Schreiben?

„Ich glaube, jeder Text ist letzten Endes eine Fiktion. „Reine“ Fiktion ist ja oft viel autobiografischer als etwa ein Erinnerungsbuch. Ich habe lange an einem Roman gearbeitet und dabei oft das Gefühl gehabt, viel dichter an den eigenen Gefühlen dran zu sein. Viele Menschen schreiben ihre Memoiren, weil sie in einem bestimmten Licht gesehen werden wollen. Ich glaube nicht daran, dass jemand seine Erinnerungen aufschreibt und dass das unverfälscht ist. Man weiss ja aus der forensischen Medizin, dass Menschen sich nicht korrekt erinnern.“

Joe Brainard hat in „I remember“ das – von Georges Perec aufgegriffene – Prinzip des wie ein Trigger wirkenden Satzanfangs aufgebracht. Jede Erinnerung beginnt mit dem Teilsatz „Ich erinnere mich“. Sie fangen viele Szenen mit der Wendung „Soundso-Strasse, und wie du dies und jenes …“an. Wer ist dieses changierende Du?

„Ich führe ständig Selbstgespräche. Manchmal ist es wie ein Gespräch, manchmal wie ein Tribunal. Man verteidigt sich gegen etwas, und ich habe mich oft gefragt „who is this Person actually, am I speaking to someone actually? Wer ist dieser Andere, der in uns wohnt, der aus mehreren Personen besteht, is it the super ego they speak about in Psychoanalysis? Wobei ich nie gewußt habe, an wen ich mich eigentlich wende.“
Andrea Köhler: „In Amerika könnte ich kaum mehr geistig überleben“ – Neue Zürcher Zeitung 30.7.2018
Von Andrea Scrima ist in diesem Jahr ihr autobiografisches Prosa-Buch aus Skizzen und Erinnerungen „Wie viele Tage“ im Droschl Verlag erschienen.

„… die unerlässliche Zutat zum Schreiben eines Romans ist der punktuelle kreative Grössenwahn. Beim mühseligen Herumhirnen an dem zu schreibenden Buch muss irgendwann einmal der Gedanke aufblitzen: Das, was da gerade entsteht, ist wirklich brillant, einmalig und genau das, worauf die literarische Welt so lange gewartet hat. Und ich, dem das eingefallen ist, muss ein Genie sein.
(..) Im Lauf der Arbeit zeigt sich sehr bald, dass einem das Aneinandermontieren von Worten keineswegs so leicht von der Hand geht, wie das bei einem Genie der Fall sein müsste. Und dass der Gedanke, der diesen so wohltuenden Grössenwahnschub aufgelöst hat, so einmalig brillant nun auch wieder nicht ist. Ganz brauchbar vielleicht oder auch ein bisschen mehr.
Aber ohne das kurzfristige High, das einem die irrtümliche Erkenntnis der eigenen Genialität vermittelt, würde sich niemand an die mühselige Arbeit machen, Hunderte von Seiten mit Text zu füllen.“
Neue Zürcher Zeitung 28.10.2018

„Wir bezeichnen jemand als kreativ, der in der Lage ist, Dinge oder Ideen zu produzieren, die bislang ungesehen, ungewöhnlich und vor allem unterhaltsam sind.“

„Ein Kreativer muss in den Dingen mehr erkennen als andere. Recherchieren, Probieren und Kombinieren! Erst dann ist es möglich, dass am Ende der Suche eine frische, überraschende Idee jenseits der Norm entsteht.“

„Kreativität kommt nicht aus dem Nichts. Fleiß, Arbeit und Erfahrung zählen. Das ist wie ein Muskel, den man regelmäßig trainieren muss. Zu guten Ergebnissen kommen nur diejenigen, die absolut diszipliniert und hoch konzentriert arbeiten. Klar umrissene Aufgaben, präzise Briefings können kreative Kommunikation fördern. Und dann ist da natürlich noch der Wille, Normen infrage zu stellen.“

Die Autorin des Beitrags „Ist Kreativität essbar?“ hat den diesjährigen Art Directors Kongress kuratiert und moderiert und ist als Geschäftsführerin Bereich Kreation der Werbeagentur Jung von Matt/Saga in der Branche bekannt.

Aus der Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „Antipasti“ zum Art Directors Festival 2018 in Berlin
Beitrag von Dörte Spengler-Ahrens „Ist Kreativität essbar?

„Das Schreiben muss zuerst zu mir kommen, damit ich schreiben kann … Ich darf aber nicht passiv darauf warten, sondern muss eine feinfühlige Antenne ausfahren. Um die Vibration empfangen zu können, muss ich in mir ein besonderes Biotop kultivieren.
Was ich damit meine ist, dass ich mich als eine Art Übermittlerin fühle. Schreiben funktioniert nach einem ähnlichen Muster wie Träumen. Traumbilder entstehen, weil sich in meinem Gehirn gespeicherte Bilder vermischen. Träume kommen mir aber wie ätherische Gebilde von fernen Sternen vor.“
Die Erzählungen der koreanischen Schriftstellerin Bae Sua sind bisher auf Englisch, aber noch nicht auf Deutsch erschienen. Sie ist Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift „Axt. Art & Text“ und als Übersetzerin tätig.
aus: Hoo Nam Seelmann „Das Schreiben muss zu mir kommen – Neue Zürcher Zeitung 30.8.2018

Herbert Grönemeyer im Interview mit Martin Benninghoff und Oliver Georgi, die ihn zur Entstehung seines neuen Albums „Tumult“ und seiner Arbeitsweise, den kreativen Vorbereitungen zu seiner Top-Songs befragen:

„Ich kann nur Geschichten schreiben, wenn sie mir jemand erzählt, selbst erfinden kann ich sie nicht. Das wird immer ganz schnell peinlich. Also schreibe ich darüber, wie ich über die Dinge denke und was mich im Moment betrifft. Was anderes gelingt mir gar nicht. Für „Tumult“ habe ich siebzig Texte geschrieben, davon waren fünfzig Müll. Bis ich mal ein Thema habe, einen Text hinkriege und das Gefühl habe, er funktioniert mit der Musik, das ist durchaus eine Sisyphusarbeit.“

„Mein Leben strahlt“ Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.11.2018

Marion Löhndorf fragt den britischen Schriftsteller: Welche Rolle spielt das Phantastische für Sie?
Ich habe mein Schriftstellerleben als Freudianer begonnen und mich viel mit der freudianischen Vorstellung vom Unbewussten beschäftigt. Das habe ich heute weitgehend hinter mir gelassen.

Wie steht es um die seltsamen Koinzidenzen in Ihren Romanen?
Ja, die gibt es. Aber ich glaube nicht an eine übernatürliche Macht, die sie arrangiert. Ich bin Realist. Ich liebe die Welt der Imagination. Ich glaube, dass es etwas gibt, das wir nicht vollständig begreifen. Ich war mein Leben lang an Wissenschaft interessiert, so entwickelte sich mein philosophischer Materialismus. Die physische Welt und die Natur enthalten so viele Wunder, dass es kaum eine Notwendigkeit für das Surreale gibt. Die Welt der Vulkane und Bäume ist surreal genug.

Was ist gutes Schreiben für Sie? Was lesen Sie gern?
Ich liebe eine Kombination aus Präzision und Lyrik. Es klingt wie ein Widerspruch. Die Musik muss da sein, aber auch die Welt, die wir teilen. Es ist schwer herzustellen. Aber das ist es, was ich liebe…. Ich mag Romane, die versuchen, etwas vom Zeitgeist … einzufangen. Aber die besten haben eine regionale oder provinzielle Qualität, sie reflektieren etwas Unmittelbares aus der Welt, die sie umgibt. Aber letzten Endes geht es nur darum, wie gut sie gemacht sind.
Marion Löhndorf: „Als hätte ich den Holocaust verleugnet“ – Neue Zürcher Zeitung 16.7.2018

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