„Über viele Jahre gehörte Der Tod des Vergil zu meinen heimlichen literarischen Schätzen. Ich war achtzehn, als das Buch mir in einer ostdeutschen Lizenzausgabe des Verlages Volk und Welt in die Hände fiel, mit seinem verlockenden grünen Schutzumschlag ein kostbarer Besitz.

Es gehört zu den Risiken eines Schriftstellerlebens, dass einer sich früh in die falschen Bücher verliebt. Doch schließlich wählen nicht nur wir, in den Ausnahmefällen sind es die Bücher, die uns aus der Menge der Leser erwählen. Nie werde ich die Woge überströmender Begeisterung beim Lesen der Eröffnungsszene vergessen. Sie bestand aus einem einzigen, in Wellenrhythmen sich aufbauenden Satz, der die Einfahrt der kaiserlichen Flotte des Augustus in den Hafen von Brundisium beschrieb. Mit nichts als Sprache war hier eine Wirkung erzielt, die etwas Musikalisches und gleichzeitig Kinematographisches hatte. Von „meinen Schlangensätzen“ sprach Broch selbst einmal geringschätzig in seinem Briefwechsel mit dem Freud-Schüler Paul Federn. Es waren diese Schlangensätze, mit denen mir damals die Entdeckung der Langsamkeit des Erzählens widerfuhr.“
aus einem beitrag von Durs Grünbein in der FAZ v. 4. april 2009 über Hermann Brochs roman „Der Tod des Vergil“