Autorenbrief vom 17. Februar 2010

Liebe Autorinnen und Autoren,

„Dramaturgischer Rat“ ist ein Gedicht von Friedrich Dürrenmatt überschrieben: „Verzapf keinen Tiefsinn / Füge dem Rätsel kein neues bei / Es liegt nicht im Wort / Schaff ein Gebilde.“ Auf der Berlinale gibt es jetzt täglich Gelegenheit, die Filme großartiger Regisseure daraufhin zu prüfen, welchen Regeln ihre Drehbuchautoren beim Schreiben gefolgt sind.

Der französische Altmeister des Kinos, Claude Chabrol, der im vorigen Jahr die Berlinale Kamera für sein Lebenswerk erhielt, vergleicht das Drehbuch mit einem „Gebäude, dessen Bau sich von Sequenz zu Sequenz weiterentwicklet. Die Schwierigkeit rührt daher, dass es leichter ist, innerhalb einer Sequenz alles ins Gleichgewicht zu bringen als in einer Folge von Sequenzen. Es kann vorkommen, dass man eine bestimmte Anzahl von Sequenzen vor sich hat und in jeder einzelnen stimmt alles. Das Gleichgewicht scheint vollkommen. Aber wenn man sie dann verbindet, stellt sich heraus, dass es als Ganzes nicht funktioniert. … Deshalb muss man die Sequenzen eine nach der anderen überprüfen und eventuell Teile von Szenen restrukturieren. Das heißt, sie entweder kürzen oder sie im Gegenteil ausdehnen, um den Zusammenhalt des Ganzen zu gewährleisten, eine Technik, die man mit der Zeit immer besser beherrscht oder anders gesagt: empfindet. Auf diese Weise macht man Fortschritte.“
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Auch Sidney Lumet, Drehbuchautor und Regisseur zahlreicher bekannter Filme, kennt das Problem, das schon viele Drehbuch- wie Romanautoren zur Verzweiflung gebracht hat und schlägt vor, kühl die Situation zu analysieren: „Als Erstes untersuchen wir jede Szene, in der richtigen chronologischen Reihenfolge. Trägt diese Szene etwas zum Grundthema bei? Wie? Trägt sie zur Handlung bei? Zur Figur? Verläuft die Handlung in einem sich zunehmend steigernden dramatischen Spannungsbogen? In einer Komödie beispielsweise: Wird sie lustiger? Wird die Handlung von den Figuren vorangetrieben?“

Manche Schriftsteller brauchen als Ziel beim Schreiben die Vorstellung wie ihre Geschichte zu Ende gehen kann. Für Sidney Lumet ist es die Unausweichlichkeit, der Sog, der die Charaktere mitzieht, dem sie nicht entgehen können: „In einem gutgebauten Drama möchte ich das Gefühl haben: ‚Natürlich, darauf lief es die ganze Zeit hinaus.‘ Trotzdem darf die Unausweichlichkeit nicht die Überraschung ausklammern. Unausweichlichkeit heißt nicht Vorhersagbarkeit. Das Drehbuch darf einen nicht zur Ruhe kommen lassen, muss einen ständig überraschen, unterhalten, hineinziehen und einem doch, wenn der Augenblick der Wahrheit kommt, das Gefühl vermitteln, dass die Geschichte genau so ausgehen musste.“
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Im Tieger-Blog gesteht Fanny Ardant, dass sie von Schundromanen gelernt hat, der Autor von „Retter der Welt“, John Wray, warum er bisher lieber in seiner Fantasie gegraben hat und die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn sagt, welchen Vorteil die Fiktion gegenüber dem Sachbuch hat, wenn es um Spionage und Verrat geht.
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Mit herzlichen Grüßen
Ihre
Gerhild Tieger

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