Samuel Herzog im Gespräch mit dem Kurator und Autor Jean-Christophe Ammann, der Leiter bekannter europäischer Museen und Kunsthäuser war und gerade als Kurator für das Centre Cuilturel Suisse in Paris die Ausstellung „A rebours“ gestaltet hat.

„Ich will Kunst als Poesie! Kunst ist Poesie! Menschen brauchen Poesie. Das war von Anfang an so. Belehren tut die Theologie oder die Philosophie oder die Ethik. Aber nicht die Kunst. Kunst war immer Poesie. Und die besten Künstler waren immer Poeten – alle anderen waren Handwerker.“

Was für einen Begriff von Poesie haben Sie?

Es geht darum, das Unmittelbare zu sehen und es in Verbindung zu bringen mit anderen Sichtweisen, mit solchen, die eine emotionale Aufgeladenheit besitzen. Man muss nichts erfinden: Es geht darum, uns die Welt so vor Augen zu führen, wie wir sie potentiell in uns tragen – aber nicht sehen können, weil wir an unseren Gewohnheiten hängen. Das ist das Poetische.“

Kann man sagen, ein Kunstwerk sei besser, je poetischer es ist?

„Ich glaube, ein Kunstwerk ist im besten Falle zeitlos – und Poesie ist zeitlos. Goethe hat Gedichte geschrieben, die entsetzlich sind – und er hat Dinge gesdhrieben, die absolut zeitlos sind. Diese Zeitlosigkeit ist etwas, was wir alle in uns tragen – da wir ja auch alle durch den Tod geprägt sind. Bei seiner Entstehung besteht ein Kunstwerk gewissermassen aus zwei Hälften – die eine Hälfte ist sein Realitätsgehalt, die andere sein Symptomgehalt. Wenn ich ein zeitgenössisches Kunstwerk anschaue, kann ich diese zwei Dinge oft nur schwer auseinanderhalten – das hat damit zu tun, dass ich zur gleichen Zeit lebe. Der Realitätsgehalt ist die Substanz – beim poetischen Kunstwerk setzt sie sich mit der Zeit immer mehr durch. Der Symptomgehalt hingegen hat mehr mit dem Zeitgeist zu tun – bei einem minderwertigen Kunstwerk wird er mit den Jahren das Werk immer mehr bestimmen.“
aus NZZ: „Poesie! Kunst ist Poesie!