„Dem Dichter hat der Maler gewiss nicht alles voraus (und heute schon gar nicht), doch dies mit Sicherheit: Im Gegensatz zum Dichter, der davon nur sprechen kann, ist es dem Maler vergönnt, Schönheit wiederzugeben, so wie sie ist. Der Autor hingegen kann Schönheit zwar erfinden und behaupten, heraufbeschwören und besingen, den letzten Beweis, wie sie ist, bleibt er uns schuldig, denn seine Mittel sind beschränkt. Er erklärt, was er sieht, er versucht, uns an seinem Schönheitsideal teilhaben zu lassen, aber mehr als Worte stehen ihm dazu nicht zur Verfügung. Zeichen verweisen, beweisen können sie – wenn es um die Darstellung von Schönheit geht – nichts ausser ihrer eigenen Schönheit. Wir wissen, was der Dichter will, am Ende aber sehen wir nur, was er kann. Die Schönheit müssen wir uns zusammenreimen.
(…) Eines hat die Schrift dem Bild dann doch voraus. Im Gegensatz zu Bildern bewegen sich Geschichten. Sie gehen in der Zeit und im Raum weiter, selbst wenn das Personal wie angewurzelt steht, und sie gehen zurück in die Vergangenheit und ins Unbewusste. Ein Roman ist immer in Bewegung, ein Bild täuscht sie bestenfalls vor; darin spielen Erinnerung und Erwartung eine Rolle, die über den Moment hinausgeht, den zu überschreiten der Malerei nicht zu Gebot steht.“

aus: Bildansichten – „Die Freude der Betrachtung“ – Neue Zürcher Zeitung 15.10.2011 Von Alain Claude Sulzer erschien 2010 im Galiani-Verlag der Roman „Zur falschen Zeit“