Enthält der Titel Ihres neuen Romans „Das Blaue Buch“ eine geheime Botschaft?, hat Hubert Spiegel, Ressortleiter im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die englische Schriftstellerin A.L. Kennedy gefragt:

„Ja, in gewisser Weise schon. In England ist das blaue Buch eine Bezeichnung für einen Ort, an dem man Geheimnisse verbirgt. Das muss nicht unbedingt ein Buch sein. Jazzmusiker notieren ihre Improvisationen im blauen Buch. (…) Das blaue Buch kann alles mögliche bezeichnen: Karteikarten, Notizzettel, Computerdateien …“

Arthur, tritt zunächst als Gedankenleser auf. Sein Talent liegt in einem verblüffenden Einführungsvermögen. Sollten Schriftsteller nicht dasselbe Talent besitzen?

„Nun, ich habe natürlich die Fähigkeit, die Menschen zu durchschauen, die ich selbst erfunden habe. Es ist wie mit dem Stromkabel in der Wand: Wenn du es nicht selbst verlegt hast und trotzdem auf Anhieb findest, ist das beeindruckend. Hast du es selbst verlegt, ist die Sache banal. Ich beschäftige mich natürlich auch mit realen Personen, und ich denke viel über unsere menschliche Natur nach und versuche, überzeugende Charaktere zu gestalten. Aber ich werde dabei auch immer wieder aus dem Konzept gebracht – von meiner Arbeit und von meinen Figuren, von Menschen also, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.“

Zuletzt noch eine grundsätzliche Frage zu Ihren Figuren. Haben Sie je versucht, einen einfachen Charakter zu erfinden?
„Es gibt keine einfachen Figuren. Es sei denn, man sieht jemanden aus größter Distanz. Aber eine solche Figur kann keine Hauptfigur eines Romans sein. Selbst wenn eine Figur im Koma läge, wüßte man doch nicht, was diese Figur womöglich alles denkt und hört und fühlt. Denken Sie doch nur an all das, was Sie heute bereits gedacht haben. Das ist alles andere als einfach.“

Interview in der FAZ v. 24.11.2012 „Seit wann können Sie Gedanken lesen, Mrs. Kennedy?
A.L. Kennedy: Das blaue Buch, Hanser Verlag
Hanser Verlag