„Das Handwerk des Schreibens mag man erlernen, Schriftsteller wird man nicht freiwillig. Natürlich ist es mit der selbsttherapeutischen Bewältigung von Schräglagen nicht getan, man sieht es besonders deutlich auf dem Feld der Lyrik: Wer seine Gedächtnisprotokolle und inneren Monologe mehr oder weniger eins zu eins publiziert, erntet ausserhalb der kleinen verschworenen Lyrikgemeinde nichts als Kopfschütteln. Erst wenn sich das Handwerk des Schreibens an die halb genialische, halb unfreiwillig notorische Erstniederschrift als das Geschäft zu deren Bändigung und Läuterung anschliesst, kann ein Stück Literatur entstehen, das auch für fremde Leser zu einer Erfahrung wird. Die Erstniederschrift, auch wenn davon kein einziges Wort am Ende erhalten bleibt, ist allerdings für jeden Text ausschlaggebend, weil als Druck darin durch alle Fassungen spürbar. An ebenjenem Druck kann man als Leser erspüren, ob der Text zwingend entstehen musste oder ob er nur das klug kalkulierte Konzeptwerk eines Autors ist.

(…) Ob in der Lyrik, ob in der Prosa, beides zusammen macht Literatur aus: der impulsiv protokollierte Erfahrungskern und dessen vergleichsweise nüchterne sprachliche Durchdringung. Eine Literatur ohne existenzielle Beglaubigung ist intellektuelles Spiel, eine Literatur ohne handwerkliche Bearbeitung ist platter Authentizismus.
Neue Zürcher Zeitung, 5.12.2012: „Schräglage zur Welt – Was bringt den Schriftsteller zum Schreiben?“