„Jedes Gedicht braucht, was Bergson einmal als élan vital beschrieben hat. Élan ist wie eine Stimmung und zugleich mehr als nur eine Stimmung. Élan ist eine Energie. Und ich glaube, jedes Gedicht kommt aus einem élan, in dem Sinne, dass es nicht genügt, dass wir jetzt hier sitzen und Apfelwein trinken. Das ist noch kein Gedicht. Das ist trivial. Ein Gedicht entsteht erst dann, wenn noch etwas hinzukommt, nämlich élan – ein Hauch von etwas mehr, etwas Undefinierbares. Ich würde nicht sagen, der Hauch des Göttlichen. Aber ein Hauch. Als ob wir plötzlich da wären und nicht da wären. Als ob wir uns sehen würden. Im Moment sitzen wir hier. Wir trinken. Wir sprechen: Das macht noch kein Gedicht. Aber wenn wir uns in dieser Zeit einen Augenblick von außen sehen: Das ist das Gedicht. Das kommt selten. Das sind diese Momente der Erhebung, die auch aus dem Trivialen erwachsen können.“

Jakub Gawlik und Philipp Stadelmaier im Gespräch mit dem polnischen Lyriker Adam Zagajewski, Frankfurter Allgemeine Zeitung 11.2.2012