Keine Geissen, keine Hütte und schon gar kein Alpöhi! Weg, weg, einfach verschwunden und seine ehemalige kärgliche Behausung Wind und Wetter ausgesetzt! Wo er nur sein mag, dieser alte, bärtige Brummbär und zu alledem scheint er auch den Geissenpeter mitsamt seiner Ziegenherde mitgenommen zu haben!
Und ich, sein Heidi, wie stehe ich jetzt da so mauseallein auf diesem unkrautüberwucherten Fleckchen Erde? Was mag wohl meinen Öhi dazu bewogen haben, seine über alles geliebte Heimat, seine Berge und die wunderschönen Sonnenaufgänge aufzugeben? Ja, liess er denn tatsächlich alles stehen und liegen und lieferte seine meckernden Vierbeiner ihrem Schicksal aus?

Ich wollte doch mit ihm auf unserem windschiefen Holzbänkli von alten Zeiten schwärmen und dabei seine schwielige, warme Hand in der meinen halten. Und ich wollte wieder einmal von ihm getröstet werden, wie damals, als ich noch sein kleines lebenslustiges Heidi war.

Da habe ich nun also diesen mühsamen, schweisstreibenden Aufstieg völlig umsonst unter die untrainierten Füsse genommen!? Ich kann, ich will nicht glauben, was ich sehe oder bin ich am Ende gar auf dem falschen Berg? Aber nein, da stecken doch vermutlich diese cleveren Filmemacher dahinter und lockten meinen gutgläubigen Öhi mit einer vermeintlichen Blitzkarriere als Schauspieler ins Tal hinunter – mich, als Lockvogel hatten sie ja bereits, denn das Heidibuch erfreute sich doch zunehmender Beliebtheit …

… und jetzt sitze ich immer noch auf besagtem Bänkli und weiss: „min Alpöhi chunnt nümme!“ Denn nun habe ich ihn eingeholt und bin selber so alt, wie er damals war!

Aus den Einsendungen zum Erscheinen von „Short-Shortstorys schreiben – Kürzestgeschichten schreiben“ von Roberta Allen.