Die Uhr stand still. Eine Uhr, die bereits seit achtundachtzig Jahren ohne Unterlass tickte. Fräulein Chaya betrachtete diese etwas wehmütig. „Lebe wohl“, sprach sie leise zu der Uhr und wusste, dass sie nicht wirklich zu der Uhr sprach, sondern zu dem Menschen, dessen Lebensuhr nun stehen geblieben war. Dieser Mensch war nun tot und doch wieder nicht, denn hatte er ein gutes Leben geführt und viel geliebt, dann fuhr er an einen Ort, welcher sich über dem Reich der Hüterin der Lebensuhren von Fräulein Chaya befand und voller Glückseligkeit war. Deshalb war Fräulein Chaya nicht besonders traurig, als diese besondere Uhr stehenblieb. Denn die neue Uhr, die dieser Mensch nun besaß, würde niemals aufhören zu ticken. So schritt Fräulein Chaya durch den langen Saal ihrer vielen Lebensuhren und hatte alles im Blick. Doch plötzlich hörte sie ein merkwürdiges Geräusch: eine Uhr geriet ins Stocken! Sofort hastete Fräulein Chaya zu dieser Uhr und war darum bemüht, diese Uhr wieder in Gang zu bringen. Die Lebenszeit dieses Menschen war noch nicht beendet und wenn sie es nicht schaffte, diese Uhr rechtzeitig wieder in Gang zu setzen, dann starb dieser Mensch viel zu früh und ohne, dass er seine Lebensaufgabe auf Erden hatte erfüllen können. Und zur Strafe für diesen furchtbaren Fehler müsste Fräulein Chaya mit ihrem Leben bezahlen und zwar sehr teuer im See der Verdammten. Und sie würde ersetzt werden von jemand anderem. Hektisch fummelte sie nun an dieser ins Stocken geratenen Uhr herum und konnte nichts finden, was diese Unterbrechung ausgelöst hatte und so konnte sie sie nicht wieder in Gang bringen! Schnell trat sie zu einer Wolke und sah den Menschen, dessen Uhr nun stehenzubleiben drohte. Einfach bewusstlos umgekippt war der Mensch und andere Menschen bemühten sich, ihn wieder ins Leben zurückzuholen. Dies sah Fräulein Chaya im Bild ihrer Wolke. Selten geriet sie in Angst und Trauer, doch nun ergriff es sie innerlich so stark, dass sich eine Träne aus ihrem Auge stahl und auf das Uhrwerk tropfte. Erschrocken fuhr sie zusammen, als die Uhr laut schrillte und auf einmal wieder in Gang kam! Fassungslos starrte sie auf die Lebensuhr in ihrer Hand, wie sie wieder munter weitertickte und in ihrer Wolke erkannte sie, dass der Mensch dieser Uhr wieder zu sich gekommen und munter war! Welch eine Erleichterung! Fräulein Chaya war überglücklich und stellte die Uhr wieder zurück an ihren Platz. Doch ehe sie dies tat erkannte sie, dass sich hinter der Uhr an der Wand schwarze Fäulnis gebildet und dies wohl das Stocken der Uhr verursacht hatte. Sofort stellte sie die Uhr an einen hellen und reinen Platz und machte sich daran, die Fäulnis zu beheben. Fräulein Chaya wusste also nun, was stets in solchen Fällen zu tun war, sollte wieder eine Lebensuhr ins Stocken geraten: Liebe behob jedes von Fäulnis befallene Herz! Denn Liebe war schon immer die mächtigste Magie auf Erden gewesen, die auf ewig unbezwingbar sein und gegen die niemand bis zum Ende aller Zeiten ankommen wird. Solange die Liebe noch existierte, gab es weiterhin Hoffnung, jedes Herz wieder zurück ins Leben zu bringen und die Lebensuhr weiterticken zu lassen.

Aus den Einsendungen zum Erscheinen von „Short-Shortstorys schreiben – Kürzestgeschichten schreiben“ von Roberta Allen.