„Bevor ich die erste Zeile schreibe, treffe ich fünf, sechs grundsätzliche Entscheidungen technischer Art. Zu diesen Entscheidungen gehört die Wahl meiner Hauptfiguren. Auch die Schauplätze muss ich vorher bestimmen, ebenso die Sprache jeder einzelnen Figur – lange Sätze, kurze Sätze, gewählter Stil oder einfacher Stil.
In einem Roman wie ‚Patria‘ verbiete ich mir Wortspiele, Frivolitäten, ausgefallene Metaphern. Ich benutze auch keine Vergleiche. In diesem Roman wird nichts mit etwas anderem verglichen. Und kein einziges Kapitel übersteigt acht Seiten. Also kein mikroskopischer Blick, keine Beschreibungsorgien.
Dann hänge ich im Arbeitszimmer Tafeln mit der zeitlichen Abfolge der Ereignisse auf. Die Geschichte muss plausibel und folgerichtig sein, aber ich darf nicht zu genau werden. Jahreszahlen wären hinderlich.“
(…) „Ich brauche … eine kalkulierte Vagheit, die dennoch plausibel wirken muss. Zugleich war mir klar, dass ich bei neun Figuren, die zu den beiden Familien gehören, die miteinander in Konflikt liegen, einen umfangreichen Roman schreiben würde, mindestens sechshundert Seiten lang. Wie kriege ich das hin?, fragte ich mich. Die Lösung gaben mir meine beiden Töchter. Wir hatten früher miteinander Puzzle gespielt, mit tausend Teilen. Das Prinzip beim Zusammenbauen ist, dass man kleine zusammenhängende Inseln findet. Manchmal drei Stücke zusammen, die isoliert herumliegen. Und genau so baute ich meinen Roman. Jeweils drei kleine Puzzleteile zusammen, jeweils von einer Figur, und dann wieder drei Teile von einer anderen Figur.“
aus: Paul Ingendaay „Irgendwann musste ich von den Opfern erzählen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.2.2018