Der schweizer Schriftsteller und Literaturkritiker Roman Bucheli hat die in diesem Jahr erschienenen Gedichtbände von Albert Ostermaier und Tom Schulz besprochen und 5 ungewöhnliche Erklärungen dafür gefunden, warum es umweltfreundlich und nachhaltig ist, Poesie zu lesen. Hier jeweils ein Anriss dazu:

Erstens: Gedichte reduzieren den CO2 Ausstoss
Wer Gedichte liest, kann nicht gleichzeitig Auto fahren oder den Regenwald zerstören. Er sitzt mit seinen Pantoffeln an den Füssen im Fauteuille und blättert in einem meist schmalen Bändchen (siehe Grund 2), das auch nicht nicht in horrender Auflage gedruckt worden ist. (…)

Zweitens: Gedichte sind kurz und die Bücher dünn
(…) Gedichte sind wie ein Perpetuum mobile. Man liest sie einmal und ein zweites Mal und abermals, und nie ist es das Gleiche. So mögen die Bücher dünn sein, aber sie sind schwer, wie es kein Wälzer ist.

Drittens: Mit Gedichten verlernt man das Verstehen
Man versteht Gedichte besser, wenn man aufhört, sie verstehen zu wollen (…) Auf der Netzhaut seiner Phantasie entstehen dann nie gesehene Bilder. Und die Gedichte? Wer sie verstehen möchte, knipse einfach mal den Verstand aus. Meistens hilft’s.

Viertens: Wir verstehen zwar die Gedichte nicht, aber um so besser dafür uns selbst
(…) Es gibt kaum bessere Gelegenheiten, gefahrlos mit sich selbst Bekanntschaft zu machen. (Und:) Die ekstatische Sinnlichkeit der Wörter steigert die Empfindsamkeit des Körpers.

Fünftens: Gedichte sind wie Medikamente mit lauter Nebenwirkungen
Gedichte haben keine Absicht und keinen Zweck. Sie wirken dort, wo man es am wenigsten erwartet, und bei jedem anders. Da hilft kein Beipackzettel. Man schluckt sie und schaut einfach mal, was dann passiert. (…)
aus: „Gedichte werden das Klima retten“ von Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung 17.5.2019