(…) „Ein gutes Gedicht öffnet mit wenigen Worten einen Raum und wirft die Imaginationsmaschine an. Es ist der Zündschlüssel für das Auto, in dem du in deiner bildhaften Gedankenwelt herumfahren kannst. Die einzelnen Wörter sind dabei Pfeile, Wegweiser in alle erdenklichen Richtungen.

Ein Gedicht ist im besten Fall ein Resonanzraum. Ein Gerüst von wenigen Worten, die durch die Anordnung einen Klang erzeugen, der rundherum ausschwingt und Synapsen ankickt, zu versteckt gespeicherten Erinnerungen an Stimmungen und Bildwelten.

Ein Gedicht skizziert den Schauplatz einer Geschichte, von der du nur einen Bruchteil aufblitzen siehst. Von dort aus spinnen sich in deinem Hirn die Fäden selber weiter – die Hintergründe, die Zukünfte, all das passiert bei dir. Ein Gedicht ist der Kern, der dort erblüht, wo es weh tut. Es ist der Splitter, der übrig bleibt, wenn du mit dem Hammer auf die Käseglocke haust.

Ein Gedicht ist ein Destillat. Durch seine Eingekochtheit wird jedes Wort darin essenziell. Dabei wächst dessen Bedeutung in all seinen Eigenschaften: wie es ausschaut, wie es klingt, was es bedeuten kann. So rückt es Unscheinbares ins Licht, stellt vermeintliche Banalitäten in den Scheinwerfer, wo sie tanzende Schatten werfen.“ (…)
Auszug aus: „Explosionen auf dem Papier“ von Michelle Steinbeck (2018 erschien bei Voland & Quist ihr Gedichtband „Eingesperrte Vögel singen mehr“), Neue Zürcher Zeitung 28.4.2019 (erstmals erschienen in „WoZ“)