Allgemein


Matthias Hannemann hat in einem Interview in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.10.2019 den norwegischen Literaturkritiker Bernhard Ellefsen u.a. gefragt ob die autobiografische Welle in der norwegischen Literatur vorbei sei:

„Das ist keine Welle sondern ein literarischer Raum, zu dem die Türen weit offen stehen – es ist eine Möglichkeit des Schreibens, die Autoren zur Verfügung steht, Romane zu schreiben. Und sie ist heute verbreitet, ohne dass das Selbstbiografische an sich heute noch stark diskutiert wird. Ich glaube, dass diese Entwicklungslinie der norwegischen Gegenwartsliteratur unsere Literatur vitaler, besser und wichtiger für den Leser gemacht hat.“

Im Interview mit Sacha Batthyany und Daniel Meier für die Neue Zürcher Zeitung antwortet der bekannte schweizer Schriftsteller und Büchner-Preisträger auf die Frage:
Ab wann wussten Sie, dass Sie begabt sind?
„Begabung? Daran glaube ich nicht. Ich glaube an Leidenschaft. Ich habe enorm viel gearbeitet. Und ich war, gerade weil ich keine Ausbildung hatte, immer auf Leute angewiesen, die an mich glaubten. Es gab damals keinen Grund, mir diese Stelle im Buchladen zu geben. Ich war ziemlich vorlaut, ein Herumtreiber, und ich hatte eine komische Frisur.“

Wann sind Sie stolz auf sich?
„Ich bin stolz darauf, vom Schreiben zu leben in der teuersten Stadt der Welt. Das ist vielleicht noch die grössere Leistung als der Büchner-Preis. Ich kenne viele Künstler, die aufhören mussten, weil es nicht ging. Ich aber lebe vom Schreiben, und ich lebe gut.“
aus: Begabung? Ich glaube an Leidenschaft, Sacha Batthyany und Daniel Meier für die Neue Zürcher Zeitung 14.7.2019

Die Produzentin Hana Geißendörfer („Souls“ 2021): „Im Moment kann man gar nicht verrückt genug denken. Jede verrückte Idee hat zurzeit eine Chance.“
Der Produzent Michael Polle über die Suche nach interessanten Drehbüchern:
„Es gibt heute keine Idee, die man nicht denken darf. Es gibt kein Dogma, wie eine Serie und ein Film zu sein hat. Es geht nur noch darum, wo und wie man die Vision optimal umsetzt.“
aus: Vorsicht, hier kommt die Diskurskomödie, Jörg Seewald – Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.7.2019

Kritik tut weh, anonyme Kritiken, die Autor und Buch vernichten sollen entlarven aber auch ihre Schreiber. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr hat eine drastische Einstellung dazu gefunden. Auf die Frage von Manfred Papst:
Verfolgen Sie, was in den sozialen Netzwerken über Sie und Ihre Bücher geschrieben wird? antwortet er:

„Ich lese, was der Verlag für mich an Kritiken sammelt und mir oft erstaunlich dicke Mappen zukommen lässt. Aber der Chor aus meist anonymen Stimmen, der auf diesen Internet-Plattformen krächzt, interessiert mich nicht.
Wer nicht den Mut hat, unter seine Meinung oder auch Verfluchung seinen Namen zu setzen, sollte besser das Maul halten oder sein Gestammelt in de Klomuschel brüllen. Klos suche ich aber nur unter besonderen Umständen auf.“
aus: „Im Schatten jedes Weltwunders liegt ein Massengrab“ Manfred Papst, Neue Zürcher Zeitung 2.4.2017

Binge Watching oder Serienmarathon, was Filmkonsumenten verführt, zusammen mit einer Vorstellung der beliebtesten Serien hat Leonie Feuerbach im Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14.9.2019 behandelt. Für Drehbuchautoren und Film-Fans aufschlussreich und anregend:

„In einem Fernsehkrimi wird der Schurke am Ende der 90 Minuten verhaftet, davor verfolgen Ermittler und Zuschauer meist mehrere falsche Fährten. Das immer gleiche Muster führt zu Überdruss. In guten Serien ist noch nach 200 Minuten unklar, ob der Protagonist gut oder böse ist. Über viele Stunden entwickeln Serienfiguren eine Charaktertiefe, wie es sie im Film kaum geben kann. (…)
Anders als ein Fernsehfilm werden die Serien von Streaming-Plattformen zudem nicht für ein möglichst großes Publikum produziert sondern für kleine Zielgruppen. Jeder Geschmack soll bedient werden, wie in einer Videothek mit großer Auswahl. Hier wie dort gibt es lustige, rührende und düstere Geschichten zu entdecken, und was manche sich niemals anschauen würden, ist für andere ein Juwel. Und wie in einer Videothek hat niemand genug Zeit, alles zu sehen, was angeboten wird. Tatsächlich hat Netflix-Chef Reed Hastings auf die Frage nach der größten Konkurrenz mal geantwortet: „Schlaf“.

Niemand glaubte dass der Schulabbrecher und zeitweilig Obdachlose ein bekannter schweizer Schriftsteller werden würde, den man heute als „wichtigsten Interlektuellen seiner Generation“ bezeichnet. Er hat den Büchern-Preis erhalten, mischt sich in die Politik ein und ist bescheiden geblieben:

„Als Künstler ist man immer Hochstapler! Ich bin als Schriftsteller darauf angewiesen, dass Menschen das, was ich sein will, auch akzeptieren. Mein Handwerk ist nicht objektiv messbar. Meine Kunst kommt erst durch Begegnung (mit dem Leser) zum Ausdruck. Ich kann mir meinen Wert nicht selbst geben, das geht nur mit dem Gegenüber.“
„Der Umgang mit Ängsten, Abgründen und Dingen, die man nicht versteht, ist die primäre Aufgabe des Schreibens. Ich kann keinen Roman verfassen über en rwandischen Genozid, ohne diese Angst und dieses Erschrecken zu empfinden. Die Kunst hat die Kraft der Verwandlung. Wir können die Angst in etwas Produktives verwandeln, das mitteilbar ist. Das ist befreiend und inspiriert auch andere.“
aus: Begabung? Ich glaube an Leidenschaft von Sacha Batthyany und Daniel Meier, Neue Zürcher Zeitung 14.2.2019

„Ich begann mit dem zweiten Buch als das erste noch gar nicht erschienenen war. Ich schrieb also nach dem Erfolg (des ersten) einfach weiter und musste nicht neu beginnen. Ich schreibe, weil ich etwas erzählen will. Natürlich will ich auch gehört werden, das gehört zum Publizieren dazu. Aber ich schreibe nicht für das Publikum. Es freut mich, wenn meine Bücher gelesen werden und wir uns darüber unterhalten können.“
Digestif – von Céline Tapis in Lesen 1/2019 Orell Füssli

„Ich habe in meine Werke so viele Rätsel und Geheimnisse hineingebracht, dass es die Professoren jahrhundertelang beschäftigen wird, zu diskutieren, was ich meinte, und das ist der einzige Weg, sich der Unsterblichkeit zu versichern.“

„Ich muss wissen, warum ich etwas schreibe. Vorher setze ich mich nicht an den Schreibtisch. Sich von Emotionen oder einem Bauchgefühl irgendwohin treiben zu lassen, das bin nicht ich. Ich brauche ein klares Ziel. Zack, da will ich hin.“

„Ohne das Storyboard, das ich mit magnetischer Farbe an die Wand über dem Schreibtisch gemalt habe, kann ich schwer arbeiten. Ich muss die Dramaturgie meiner Stück grafisch vor mir sehen, um den Überblick zu behalten.
Manchmal pinne ich auch Dialoge an die Wand. So erkenne ich, wo der Rhythmus holpert. Dialoge müssen tönen, damit sie uns berühren. Ich höre nie Musik, wenn ich schreibe. Das würde den Rhythmus meiner Texte durcheinanderbringen.
aus: annabelle 3/2019

Extrem wichtig ist es mir, Dialoge zu schreiben, die man nicht hundertmal in Filmen oder Stücken gehört hat. Das ist nicht immer einfach, grad wenn es sich um klassische Situationen handelt, etwa eine Beziehungskrise, wie wir sie in allen möglichen Varianten aus dem Kino kennen. Da muss man um die Ecke denken: Wie könnte der Dialog anders funktionieren?
aus: annabelle 3/2019

Schreibst du eigentlich gern?, hat Céline Tapis die Schriftstellerin gefragt, die gleich für ihren Debütroman „Elefanten im Garten“ für den Schweizer Buchpreis nominiert war:
„Nein, es gibt viele Dinge, die ich lieber tue. Aber jeder hat ein Instrument, um das zu erzählen, was er oder sie erzählen will. Man kann mit Film, Musik, mit Tanz oder Performance erzählen. Ich schreibe, das habe ich schon als Kind getan. … Schreiben hat etwas Brutales. Da sind nur Buchstaben, Schwarz auf Weiß. Es ist ein Ringen um Worte, ein Versuch, das Gefühl im Bauch zu übersetzen. Ich arbeite lang an Texten, ich könnte kein Buch in einem Jahr schreiben. Aber ich mag es, wenn die Dinge nicht bloss flach sind, wenn Reibung entsteht, ich mich bemühen muss.“
aus: Digestif Céline Tapis – Lesen 1/2019 Orell Füssli

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