Allgemein


Der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Beckett hatte einen gnadenlosen Kritiker, der ihn Zeit seines Lebens verfolgte und quälte: sich selbst.
An seinen Schriftstellerkollegen Robert Pinget schrieb er einmal voller Selbstzweifel: „Wir sind ja keine Literaten. Wenn man sich schon all die Mühe macht, dann nicht wegen des Resultats, sondern weil das die einzige Möglichkeit ist, es auf diesem Scheissplaneten auszuhalten.“
Und dennoch schrieb er bis ins hohe Alter: „Es ist das Beste, was man tun kann. Ein leeres Blatt, und schon beginnt alles andere zu verblassen.“

Anlässlich des Erscheinens ihres neuen Romans „Von Oben“ (Suhrkamp) hat Thomas David die Schriftstellerin gefragt:

War das Schreiben des Romans eine Selbstbegegnung?
„Das sind eigentlich alle Romane, nur für den Betrachter nicht immer auf erkennbare Weise. In allen Romanen ist autobiografisches Material versteckt, aber weil ich meist aus der Perspektive eines Mannes schreibe, muss ich mich nicht preisgeben und kann ungeniert über meine Eindrücke erzählen.“

Ist das Schreiben Selbstberuhigung?
„Zumindest bin ich beim Schreiben die Ruhe selbst. Ich bin beglückt, auch wenn etwas nichts taugt. Mein Vater beging Suizid als ich elf war, und ein Jahr danach fing ich an, einen Roman zu schreiben und kam auf über hundert Seiten. … Es taugte nichts, aber als Hilfsmittel, um über Katastrophen hinwegzukommen, funktioniert das Schreiben für mich immer wunderbar.“
aus: „Ich ging ins Totenreich“ von Thomas David, Neue Zürcher Zeitung 25.8.2019

Kai Spanke erfährt im Gespräch mit dem norwegischen Erfolgsautor warum dessen Protagonist im seinem zwölften Harry-Hole-Roman „Messer“, erschienen im August 2019, besonders leiden muss:
„Ich werde oft gefragt: „Warum musst du Harry immer so foltern?“ Dabei bin ich sicherlich kein Sadist, dem es Spaß bereitet, seinen Helden zu quälen. Vielmehr geben Harrys Wesen und die Ereignisse, mit denen er sich konfrontiert sieht, den Kurs vor. Seit dem dritten Roman („Rotkehlchen“) der Reihe habe ich einen großen Handlungs- und Entwicklungsbogen für Harry im Kopf. An den halte ich mich. Allerdings sei eingestanden, dass ich mich diesmal wirklich sammeln musste. Seit so vielen Jahren lebe ich nun schon mit Harry an meiner Seite, und jetzt erzähle ich eine Geschichte, in der seine Welt ein einziger Scherbenhaufen ist. Das löste ein Gefühl in mir aus, als würde ich das Haus niederbrennen, an dem ich zwanzig Jahre gebaut habe. Sehr schmerzhaft. In mancher Hinsicht stehen meine Storys in der Tradition der giechischen Tragödie.“
aus: „‚Wir empfinden Lust an der Katastrophe“, Kai Spanke – Frankfurter Allgemeine Zeitung 4.11.2019

Céline Tapis hat die schweizer Schriftstellerin danach gefragt wie es weitergeht, wie sie eine neue Idee für ein Buch verwirklicht:

„Eine Idee wird während der Recherche und des Arbeitsprozesses zu einer Art Magnet, der Informationen, Atmosphären, Material und weitere Ideen anzieht. Auf meinem Schreibtisch entsteht dann ein grosses Sammelsurium an möglichen Geschichten. Mit Menschen zu sprechen, die sich in bestimmten Bereichen besser auskennen als ich, ist nicht nur für das Buch, sondern auch für mich äusserst bereichernd.“
aus: Digestif – Lesen 3/2019
Nach ihrem Debütroman „Wurfschatten“ erscheint bei Diogenes Simone Lapperts zweites Buch „Der Sprung“.

Der schweizer Schriftsteller und Literaturkritiker Roman Bucheli hat die in diesem Jahr erschienenen Gedichtbände von Albert Ostermaier und Tom Schulz besprochen und 5 ungewöhnliche Erklärungen dafür gefunden, warum es umweltfreundlich und nachhaltig ist, Poesie zu lesen. Hier jeweils ein Anriss dazu:

Erstens: Gedichte reduzieren den CO2 Ausstoss
Wer Gedichte liest, kann nicht gleichzeitig Auto fahren oder den Regenwald zerstören. Er sitzt mit seinen Pantoffeln an den Füssen im Fauteuille und blättert in einem meist schmalen Bändchen (siehe Grund 2), das auch nicht nicht in horrender Auflage gedruckt worden ist. (…)

Zweitens: Gedichte sind kurz und die Bücher dünn
(…) Gedichte sind wie ein Perpetuum mobile. Man liest sie einmal und ein zweites Mal und abermals, und nie ist es das Gleiche. So mögen die Bücher dünn sein, aber sie sind schwer, wie es kein Wälzer ist.

Drittens: Mit Gedichten verlernt man das Verstehen
Man versteht Gedichte besser, wenn man aufhört, sie verstehen zu wollen (…) Auf der Netzhaut seiner Phantasie entstehen dann nie gesehene Bilder. Und die Gedichte? Wer sie verstehen möchte, knipse einfach mal den Verstand aus. Meistens hilft’s.

Viertens: Wir verstehen zwar die Gedichte nicht, aber um so besser dafür uns selbst
(…) Es gibt kaum bessere Gelegenheiten, gefahrlos mit sich selbst Bekanntschaft zu machen. (Und:) Die ekstatische Sinnlichkeit der Wörter steigert die Empfindsamkeit des Körpers.

Fünftens: Gedichte sind wie Medikamente mit lauter Nebenwirkungen
Gedichte haben keine Absicht und keinen Zweck. Sie wirken dort, wo man es am wenigsten erwartet, und bei jedem anders. Da hilft kein Beipackzettel. Man schluckt sie und schaut einfach mal, was dann passiert. (…)
aus: „Gedichte werden das Klima retten“ von Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung 17.5.2019

Matthias Hannemann hat in einem Interview in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.10.2019 den norwegischen Literaturkritiker Bernhard Ellefsen u.a. gefragt ob die autobiografische Welle in der norwegischen Literatur vorbei sei:

„Das ist keine Welle sondern ein literarischer Raum, zu dem die Türen weit offen stehen – es ist eine Möglichkeit des Schreibens, die Autoren zur Verfügung steht, Romane zu schreiben. Und sie ist heute verbreitet, ohne dass das Selbstbiografische an sich heute noch stark diskutiert wird. Ich glaube, dass diese Entwicklungslinie der norwegischen Gegenwartsliteratur unsere Literatur vitaler, besser und wichtiger für den Leser gemacht hat.“

Im Interview mit Sacha Batthyany und Daniel Meier für die Neue Zürcher Zeitung antwortet der bekannte schweizer Schriftsteller und Büchner-Preisträger auf die Frage:
Ab wann wussten Sie, dass Sie begabt sind?
„Begabung? Daran glaube ich nicht. Ich glaube an Leidenschaft. Ich habe enorm viel gearbeitet. Und ich war, gerade weil ich keine Ausbildung hatte, immer auf Leute angewiesen, die an mich glaubten. Es gab damals keinen Grund, mir diese Stelle im Buchladen zu geben. Ich war ziemlich vorlaut, ein Herumtreiber, und ich hatte eine komische Frisur.“

Wann sind Sie stolz auf sich?
„Ich bin stolz darauf, vom Schreiben zu leben in der teuersten Stadt der Welt. Das ist vielleicht noch die grössere Leistung als der Büchner-Preis. Ich kenne viele Künstler, die aufhören mussten, weil es nicht ging. Ich aber lebe vom Schreiben, und ich lebe gut.“
aus: Begabung? Ich glaube an Leidenschaft, Sacha Batthyany und Daniel Meier für die Neue Zürcher Zeitung 14.7.2019

Die Produzentin Hana Geißendörfer („Souls“ 2021): „Im Moment kann man gar nicht verrückt genug denken. Jede verrückte Idee hat zurzeit eine Chance.“
Der Produzent Michael Polle über die Suche nach interessanten Drehbüchern:
„Es gibt heute keine Idee, die man nicht denken darf. Es gibt kein Dogma, wie eine Serie und ein Film zu sein hat. Es geht nur noch darum, wo und wie man die Vision optimal umsetzt.“
aus: Vorsicht, hier kommt die Diskurskomödie, Jörg Seewald – Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.7.2019

Kritik tut weh, anonyme Kritiken, die Autor und Buch vernichten sollen entlarven aber auch ihre Schreiber. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr hat eine drastische Einstellung dazu gefunden. Auf die Frage von Manfred Papst:
Verfolgen Sie, was in den sozialen Netzwerken über Sie und Ihre Bücher geschrieben wird? antwortet er:

„Ich lese, was der Verlag für mich an Kritiken sammelt und mir oft erstaunlich dicke Mappen zukommen lässt. Aber der Chor aus meist anonymen Stimmen, der auf diesen Internet-Plattformen krächzt, interessiert mich nicht.
Wer nicht den Mut hat, unter seine Meinung oder auch Verfluchung seinen Namen zu setzen, sollte besser das Maul halten oder sein Gestammelt in de Klomuschel brüllen. Klos suche ich aber nur unter besonderen Umständen auf.“
aus: „Im Schatten jedes Weltwunders liegt ein Massengrab“ Manfred Papst, Neue Zürcher Zeitung 2.4.2017

Binge Watching oder Serienmarathon, was Filmkonsumenten verführt, zusammen mit einer Vorstellung der beliebtesten Serien hat Leonie Feuerbach im Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14.9.2019 behandelt. Für Drehbuchautoren und Film-Fans aufschlussreich und anregend:

„In einem Fernsehkrimi wird der Schurke am Ende der 90 Minuten verhaftet, davor verfolgen Ermittler und Zuschauer meist mehrere falsche Fährten. Das immer gleiche Muster führt zu Überdruss. In guten Serien ist noch nach 200 Minuten unklar, ob der Protagonist gut oder böse ist. Über viele Stunden entwickeln Serienfiguren eine Charaktertiefe, wie es sie im Film kaum geben kann. (…)
Anders als ein Fernsehfilm werden die Serien von Streaming-Plattformen zudem nicht für ein möglichst großes Publikum produziert sondern für kleine Zielgruppen. Jeder Geschmack soll bedient werden, wie in einer Videothek mit großer Auswahl. Hier wie dort gibt es lustige, rührende und düstere Geschichten zu entdecken, und was manche sich niemals anschauen würden, ist für andere ein Juwel. Und wie in einer Videothek hat niemand genug Zeit, alles zu sehen, was angeboten wird. Tatsächlich hat Netflix-Chef Reed Hastings auf die Frage nach der größten Konkurrenz mal geantwortet: „Schlaf“.

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