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Marius Leutenegger fragte den schweizer Schriftsteller in seinem Interview für 1/LESEN 2019:
Wieviel Plan steckt in Ihren Romanen?

„Ich kann einen Roman nicht gezielt konstruieren. Manchmal beneide ich Kollegen, die planmässig vorgehen können, denn ich glaube, das ist viel weniger anstrengend. Ich kann nur vorn anfangen und die Geschichte weiterschreiben. Dabei gelange ich immer wieder in eine Sackgasse, und dann heißt es: Kommando zurück, alles noch einmal. Ich muss immer wieder bereits verfasste Dinge anpassen, weil sich Figuren oder Handlungsstränge verändern. Das ist sicher nicht die beste Art, ein Buch zu schreiben, aber ich kann einfach nicht anders. Immerhin hilft mir die Übung: „Der Stotterer“ ist mein zwölfter Roman, und mittlerweile kann ich die Struktur eines Buchs gut im Kopf behalten.“
aus: Marius Leutenegger „Eine lewinskysche Sprache gibt es nicht“ – Lesen 1/2019
von Charles Lewinsky ist am 20.3.2019 der neue Roman „Der Stotterer“ bei Diogenes erschienen

„Der erste Satz markiert die Pforte, und zugleich zieht er den Leser in den Text hinein.
… wie anders der letzte Satz! Der steht gleichsam mit dem Rücken zum Text und schaut ins Leere. Der Schlussssatz, eine ephemere Bleibe vor dem Verschwinden?“
„(…) Wie die triadische Puppe blickt auch der letzte Satz in drei verschiedene Richtungen. Er spiegelt
erstens, den zurückliegenden Text;
er reflektiert, zweitens, seine eigene liminale Stellung;
und er bezieht sich, drittens, auf alle möglichen ersten und letzten Sätze der Weltliteratur.“
„Ich möchte … behaupten, dass nichts so schwer ist wie der letzte Satz. Und dass er für die ganze vorangegangene Erzählung keine geringere Bedeutung hat als der ominöse erste Satz…“

„Tatsächlich steckt jeder letzte Satz in dem Dilemma, eine Erzählung beenden zu müssen, auf dass das Erzählen als solches weitergehe.“
aus: Ulrich Raulffs Rede zu seiner Verabschiedung als Direktor des Marbacher Literaturarchivs 2019

Zum neunzigsten Geburtstag von Günter Kunert schrieb Dichterkollege Kurt Drawert in seiner Würdigung am 6.3.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
„Ich glaube fest, dass jeder Autor von Relevanz und Format über ein ihn treibendes Energiefeld verfügt, das die dunkle, verborgene Welt, ihr ewiges Rätsel, zur Sprache hin bewegt. Bei Kunert ist es die Permanenz der Reflexion, ob lyrisch, essayistisch oder episch. (…)“
Hier Günter Kunerts Gedanken zum Gedichtschreiben:
„Schön? Ich kann
keine schönen Gedichte schreiben
Tote
unschön vertrieben aus ihrem Leben
legen ein Gewicht
auf meine Hand. Die Worte
werden zittrig statt trefflich.
Eine Bildsäule aus Sprache
sollte es sein und wird
grauer Schotter
niederprasselnd in einem andauernden
Sturz.“
aus: Kurt Drawert „Lob dem Aufklärer“ – Frankfurter Allgemeine Zeitung 6.3.2019

Literaturkritiker und Schriftsteller Jörg Magenau hat sich in seinem 2018 bei Hoffmann & Campe erschienenen Band „Bestseller“ mit dem Phänomen von unerwartet auflagestarken Büchern im Rückblick auf die vergangenen siebzig Jahre beschäftigt. Autoren, die heute den Ehrgeiz haben, irgendwann auch einmal auf der Bestsellerliste zu landen zur Analyse empfohlen:

Jörg Magenau: „Bestseller fassen eine vorherrschende Gefühlslage zusammen. Oft handeln sie von Dingen, die verschwinden, verlorengehen, nach denen wir uns sehnen.“

Gibt es ein Muster, eine Bestseller-DNA?
„Die Bestsellerformel steckt nicht nur im Buch, sondern in der Begegnung eines bestimmten Buches, Themas, Stils mit einem historischen Augenblick und einer bestimmten gesellschaftlichen Stimmung.“

Bestseller kommen also nicht aus dem Nichts, wie es manchmal scheint?
„Scheinbar aus dem Nichts, aber eben dann doch nicht aus dem Nichts. Sie bringen oft etwas zur Sprache, was zur Geltung kommen will in dem Moment. Aber das kann man nicht planen, und man kann es übrigens auch nicht übersetzen oder aus einem anderen Land übertragen. Deshalb klappt es oft nicht, Bestseller aus den USA, England oder Frankreich zu uns zu holen. Bestseller sind nationale Phänomene – von internationaler Massenware und globalen Aufregern abgesehen. Denn das Erfolgsgeheimnis weist über das Buch hinaus in die jeweilige Gesellschaft.“
aus: Kathrin Meier-Rust „Algorithmen werden keine Bestseller schreiben“ – Neue Zürcher Zeitung 27.1.2019
Jörg Magenau „Bestseller“, erschienen bei Hoffmann und Campe 2018

„Am ersten Januar jedes Jahr setze ich mich morgens um sieben an den Schreibtisch. Dann beginne ich mit meinem neuen Roman. Ich schreibe täglich von sieben bis elf. Die Zahl der Wörter pro Tag ist ziemlich konstant. Am ersten Juli gebe ich den Text ab, und dann ist Schluss für den Rest des Jahres. Ich arbeite keine vierzig Stunden pro Woche. Trotzdem stimmt die Kasse so einigermaßen.“
aus: Manfred Papst „Harmonie interessiert kein Schwein“ – Neue Zürcher Zeitung 10.3.2019

Der Regisseur Niki Stein („Bis nichts mehr bleibt“, Rommel und Tatort) im Interview mit Michael Hanfeld (Frankfurter Allgemeine Zeitung):

„Wir werden immer bessere Bücher brauchen. Das liegt an diesem neuen Fernsehmarkt mit Sky, Netflix und anderen. Wenn wir uns als deutsche Filmwirtschaft in diesem aufbrechenden internationalen Markt behaupten wollen, müssen wir im Drehbuch besser werden.“
aus: „Kontrolle ist das Gegenteil von Kreativität“ von Michael Hanfeld – Frankfurter Allgemeine Zeitung 5.2.2019

Herbert Grönemeyer im Interview in der FAZ vom 10.11.2018 „Mein Leben strahlt“ über sein neues Album „Tumult“

„Musik schreibe ich immer. Ich sitze jeden Tag am Klavier und spiele, bis mir was einfällt. Das singe ich vor mich hin, dann gehe ich wieder weg. Am nächsten Tag singe ich das noch mal, dann nehme ich das auf mein Telefon auf und denke: Ja, geht. So finde ich kleine Themen, die ich vielleicht größer machen kann, bis ein Song entsteht. Den singe ich vielleicht über ein Jahr immer wieder vor mich hin, mit meiner englischen Bananensprache. Und wenn ich nach zwei, drei Jahren dann sechs, sieben Stücke habe, dann wird es mal wieder Zeit für eine Platte. Die Texte schreibe ich erst, wenn ich muss.“

Die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss begann mit Gedichteschreiben, – heute werden ihre Romane in viele Sprache übersetzt und hunderttausendfach verkauft (Kommt ein Mann ins Zimmer, Geschichte der Liebe). Nicole Krauss vergleicht das Gedicht mit einem Zimmer und den Roman mit einem Haus:
„Die Frage ist: Welche Form wird das Haus beim Schreiben annehmen? Das ist für mich Schreiben – etwas bauen, das dann mein Zuhause wird.“

Der entscheidende Satz, mit dem Nicole Krauss etwas Neues anfängt, lässt manchmal lange auf sich warten, auch dafür findet sie eine Metapher aus dem häuslichen Bereich:
„So ein Satz ist wie ein Türknauf. Dann brauche ich noch die Tür dazu – das sind die nächsten Sätze. Wohin werden sie führen? Und wie sieht der Raum aus, der hinter der Tür liegt?“

„Wir tragen immer Ideen mit uns herum, wir müssen nur darauf warten, bis sie sich in uns durchsetzen. So las ich in der New York Times einen Artikel über einen kleinen Park in einem eleganten Stadtviertel, dessen Bewohner nicht länger dulden wollten, dass dieser Park, in dem einst das Haus der Brüder Collyer stand, deren Namen weiterhin trug. Da dachte ich mir: Fünfzig Jahre nach ihrem Tod sorgen die beiden Brüder immer noch für Unruhe. Etwas geht da vor, und es interessierte mich. Eines Tages habe ich dann, ohne zu wissen, was ich tat, den ersten Satz des Buches niedergeschrieben. Es war, aus welchem Grund auch immer, ein Augenblick, der mir wichtig war und in mir etwas auslöste. Erste Sätze sind wichtig, sehr sehr wichtig. Sie sind die Samenkörner eines Buches.“

„Irgendein Bild oder eine Idee oder ein Satz bewirken etwas in mir, und ich fange an zu schreiben, um herauszufinden, was es ist.“

„Ich mußte lernen, dem Schreibakt zu vertrauen, und zwar als etwas, das nicht vollkommen berechenbar ist. Wenn man schließlich weiter im Buch fortgeschritten ist, begreift man allmählich, was man tut, und muss die Prämissen erfüllen. Es ist also keine total mystische Sache, es ist harte Arbeit, und manchmal geht man auch ganz aufgeregt an die Arbeit, nur um im Nichts zu landen.“

aus: Jordan Mejias „Wie lebt es sich in Ihren Sätzen, Mister Doctorow?“ – Frankfurter Allgemeine Zeitung

Gabriela Kasperski („Quittengrab“ Emons) auf die Frage, was aus ihr geworden wäre, wenn nicht Schriftstellerin:

„Damit ich Schriftstellerin sein kann, bin ich auch Putzfrau, Sprecherin, Lebenscoach, Dozentin, Köchin, Übersetzerin, Beziehungscoach, Regisseurin … irgendwo wäre da sicher ein Platz. Vielleicht nicht als Köchin.“
Aus: Lesen 4/2018, Orell Füssli

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