Allgemein


Können Sie den „extremen Seelenzustand“ beschreiben, in den Sie sich beim Schreiben hineinbegeben?

„Auf gewisse Weise habe ich nie aufgehört, mich sehr glücklich zu schätzen, dass ich meine Arbeit machen kann. Das ist wichtig. Sogar als ich mit der Arbeit an „Unterwelt“ begann und irgendwann merkte, dass es sich um einen sehr umfangreichen Roman handeln würde, hat mich das nicht zögern lassen. Ich habe mich dankbar und ohne Angst hineingestürzt. So ist es bei mich immer gewesen. Ich mache mir nie Sorgen, wie ich ein Kapitel beenden oder eine Figur zeichnen kann. Ich arbeite lediglich drauf hin und vertraue darauf, dass mir die Arbeit selbst hilft, die Probleme zu lösen.“
aus: Thomas David „Extreme Seelenzustände haben mich von Anfang an interessiert“, Neue Zürcher Zeitung 20.1.2018

Was ist für Sie das Schöne am Beruf des Schriftstellers?, fragte Gerhild Tieger im Autorenbrief vom Mai 2018. Hier einige Antworten:

Was ich irre finde am Schriftstellersein: Wenn sich jemand wie ich 23 Jahre lang den Namen der spanischstämmigen Geliebten eines Investmentbankers aus New York City merkt, der im ersten Kapitel von Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ von einer Telefonzelle aus versehentlich seine Frau anruft: „Maria?“ Mir blieb das Herz stehen.
Isabelle Tschierschke

Die Recherche, das Abtauchen ins Thema und dann in den Text, das Entstehen einer Geschichte, die in mir gesteckt hat und die ich nun mit Worten zum Leben erwecke… und die Freunde, die ich durch diese Tätigkeit gefunden habe. Autoren, Verleger, Lektoren und Leser, das ganze Drumherum, die bunte Buchwelt!
Claudia Rapp

Das Schreiben:
„Für den, der es versteht, ist es angenehmer als Brot und Bier, als Kleider und Salben.
Es ist glückbringender
als ein Erbteil in Ägypten
und als ein Grab im Westen.“
Papyrus Lansing, 2400 v. Chr.
Georg Fox

Als Autor schätze ich vor allem die Größe meines Büros. Ich will nicht angeben, aber es sind gut und gerne 300.000.000 Quadratmeter. Wenn ich mir Geschichten ausdenke, muss ich raus in die Natur. Auf endlosen Spaziergängen jage ich den Ideen hinterher wie andere Leute Pokémons. Anderes geht es nicht.
Ulli Bujard

… und wo fange ich an?
Vielleicht ist das Allerschönste an der schriftstellerischen Arbeit, dass ich meine eigene Welt gestalten kann. Ich kann an jeden Ort der Welt gehen. Ich kann mich mitten im Winter im Sommer wiederfinden (oder umgekehrt) – ganz ohne Flieger.
Ich kreiere Figuren, die anfangen zu leben, ein Eigenleben führen, mit mir leben, meine Geschichten schreiben.
Jenna Theiss

Das Schönste am Schreiben ist, dass ich dann ganz bei mir bin. Dass das Entlegenste und das Nächste, das Vergangene und das Gegenwärtige ,die Zukunft, die Fernen und die Vertrautesten, Tier und Mensch, die Lebenden und die Toten nah sind. Ich mich der Tiefe, unergründbar, und der Höhe unermesslich mit Worten nähere. Und, dass all das wahr ist – unvergänglich.
Das Schönste am Beruf des Schriftstellers ist, dass ich diese Erfahrung mit Anderen teilen kann: Es ein Wiedererkennen gibt.
Ich setze meine Worte. Meine Satzzeichen – Pausen. Und in diesen liegt die Welt.
Katharina Scharlowski

Das Schöne am Beruf des Schriftstellers ist für mich, dass man beim Schreiben eines Romans eigenständige Persönlichkeiten zum Leben erweckt und ihre Geschichte für immer zwischen zwei Buchdeckel festhält. So, als hätte es die Personen wirklich gegeben und die Geschichte wäre wirklich passiert. Das ist für mich jedes Mal ein sehr berauschendes Gefühl.
Sabine Nimser

Ich habe die Möglichkeit alles was sich so in meinem Kopf befindet auf Papier oder in den Computer zu bringen und mich anderen Menschen mitzuteilen. Ich kann mein eigenes Leben zurecht spinnen oder meine Fantasie in fantastischen Welten spazieren gehen lassen. Ich kann romantische Ausflüge in ferne Welten und andere Zeiten unternehmen. Ich kann in der Realität und bei der Wahrheit bleiben oder ich kann eine Geschichte erdenken. Sprich ich kann tun und lassen, was ich will und wenn etwas niedergeschrieben ist, fühle ich mich befreit und glücklich.
Karin Helbig

Unabhängigkeit
Johannes Jung

Das Schöne am Beruf des Schriftstellers ist für mich: Eine neue Welt zu erschaffen.
Wir schreiben über die Welt, wie wir sie kennen, oder wie sie sein sollte, oder wie wir sie uns wünschen, oder wie sie nie sein wird, aber auf jeden Fall erdenken wir uns eine Welt neben der existierenden Welt.
Sandra Niermeyer

Drei Dinge:
Das Eintauchen in die Welt meiner Wahl
Die erhöhte Aufmerksamkeit, die diese Tätigkeit mit sich bringt
Die Möglichkeit des Einflussnehmens
eva eva

Als Schriftsteller ist es einem erlaubt, sich die Welt so zu gestalten, wie man sie gerne hätte, ohne gleich in die Klapse eingewiesen zu werden. Man kann total bekloppt und blutrünstig sein ohne Konsequenzen zu fürchten. Wo sonst hat man solche Freiräume und kann so unbeschwert träumen und leben wie als Schriftsteller? Darum bin ich so gerne Schriftstellerin, weil ich hierbei bleiben kann, so wie ich bin und so arbeiten und leben kann wie ich bin und wie ich es brauche. Ich fühle mich wie ein Kind auf einem riesengroßen Spielplatz. (gek.)
Mel Mae Schmidt

Als Schriftsteller gewinne ich die geistige Freiheit, die Welten-Uhr für einen Momente lang anzuhalten, setze mich losgelöst von Raum und Zeit mit einem von mir gewählten Thema auseinander und fasse meine eigenen und fremde Wahrnehmungen in behutsam zusammen getragene Worte. Die Vielfalt der hierfür gebotenen Möglichkeiten ist für mich das Schönste an unserem Beruf.
Catrin George

Das Schöne am Romane schreiben …. ist Gott-Mutter sein zu können. Geschöpfe zu schaffen, ganze Welten zu kreieren, Leben und Sterben, oder nur pralles Leben zu Papier zu bringen. Das Glück im Schneckenhaus zu schildern, neben dem Glück im Palast. Gemein und schäbig zu agieren im Wechsel von gütig und hochherzig.
Bärbel Rädisch

Eine Schriftstellerin, ein Schriftsteller „überrascht“ – nicht nur, wenn hinter der freundlichen Verkäuferin in der Bäckerei eine Krimi-Autorin mit aufregenden Ideen steckt, sondern auch von den Inhalten her. Ohne Überraschendes funktioniert Schriftstellerei nicht. Überraschen und verkannt – diese beiden Wahrnehmungskomponenten sind verschwägert, haben miteinander zu tun, ähneln dem Salz in der Suppe. (gek.)
Renate Schauer

Die Autorinnen und Autoren dieser Aussagen erhalten ein Exemplar des Buchs von Cornelia Jönsson: Der Sprung ins weiße Blatt. Von der Kunst, Romane zu schreiben und das Leben zu genießen.

„Schreiben heisst nicht nur, den Dingen einen Spiegel vorzuhalten und Probleme aufzuzeigen, sondern auch, sich selbst zu entdecken. Vielleicht ist es auch eine Angewohnheit, ein Tick. Das spielt alles mit hinein. Ich erfinde ganze Welten, ich habe Romane mit vierzig Figuren geschrieben. Und in jeder steckt etwas von mir – selbst in den schrecklichsten Charakteren.“

„Wir leben immer mit Geschichten. … Ich sehe mich als jemanden, der zunächst seinem eigenen Leben durch Geschichten Sinn verleiht. Ich bin kein grosser Anhänger von Freud, noch weniger von Jung, aber sie haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass unser Geist ähnlich wie ein Schwamm, der Wasser aufsaugt, Geschichten aufnimmt und weitergibt.“
aus: Carmen Eller „In jeder Figur steckt etwas von mir“, Neue Zürcher Zeitung 30.11.17

Was ist schön am Beruf des Schriftstellers?
„Die Freiheit. Man kann in der Nacht arbeiten, am Wochenende, auf einer Farm in Australien. Das Wann und Wo ist egal, solange eine Geschichte dabei entsteht.“

Schämen Sie sich für einen Ihrer veröffentlichten Texte?
„Ich schäme mich für viele Texte. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft … Irgendwann hörte ich auf zu zählen. Aber ich glaube auch nicht, dass es einen Erfolg ohne mehrfaches Versagen gibt.“

Natürlich führt das dazu, „dass ich kaum Sätze unangetastet lasse. Die meisten Sätze existieren in unzähligen Versionen. Am Schluss wählte ich den aus, der mir am besten gefällt. Ich schreibe, wie die Schnecke kriecht.“
Von Michael Hugentobler ist der Roman „Louis oder der Ritt auf der Schildkröte“ bei dtv erschienen
aus: Lesen I/2018 Orell Füssli Magazin

„Schriftsteller zu sein und zu schreiben bedeutet Freiheit: Man erfüllt seine Funktion. Früher glaubte ich, Freiheit bedeute tun zu können, was immer man möchte. Aber es bedeutet, zu wissen, wer man ist, was man auf dieser Welt tun sollte … und es eben einfach zu tun. Von diesem Weg darf man sich nicht abbringen lassen.“
Natalie Goldberg: Schreiben in Cafés, 200 Seiten, Hardcover, 18 Euro – mehr als 1 Million Exemplare der Originalausgabe, in neun Sprachen übersetzt:
https://www.autorenhaus.de/schreiben_in_cafes-natalie_goldberg.phtml

Lukas Adolphi war bis vor kurzem noch unbekannt im Bücherbetrieb, aber seit dem 6. dieses Monats kennen ihn sogar die Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auf einer halben Seite ist sein Porträt in Farbe zu sehen, auf der anderen Hälfte die ungewöhnliche Story seiner Transformation vom Grafikdesigner zum Kleinstverleger. Denn selbst geschrieben hat er das reclamgelbe Büchlein „die cops ham mein handy“ nicht. Darin veröffentlicht sind die SMS-Nachrichten der beiden jugendlichen Täter, die ihn bedroht, sein Geld und sein Handy abgenommen hatten. Das gestohlene Handy hat Lukas Adolphi von der Polizei zurückbekommen. Was er als Nachrichten darauf gespeichert fand, hat er nicht gelöscht, sondern zu einem Büchlein gestaltet. Das ist origineller authentischer Jugendslang direkt aus dem Leben und hat auch schon größere Verlage interessiert. Lesen Sie die wundersame Geschichte einer außerordentlichen erfolgreichen Veröffentlichung:
https://lukasadolphi.com/produkt/die-cops-ham-mein-handy/

Wie können Sie das Leid, das Sie sehen, ertragen? fragt Thomas David den irischen Schriftsteller John Banville, der auch unter dem Pseudonym Benjamin Black veröffentlicht (Mrs Osmond, Die blaue Gitarre, Unendlichkeiten) im Gespräch.

„Ich empfinde es nicht selten als vollkommen unerträglich. Aber ich glaube, wir Menschen können nur überleben, indem wir nicht fühlen. Wenn Sie und ich in diesem Moment die ganze Agonie spüren könnten, die derzeit in der Welt herrscht, würde uns das auf der Stelle umbringen. Ich werde also nach unserem Gespräch nach Hause fahren, mit meiner Familie zu Abend essen, ein Glas Wein trinken und so tun, als würde ich noch zwei Seiten lesen, bevor ich mir dann wie jedermann irgendwelchen Müll im Fernsehen anschaue.“
Thomas David: „Heute glaubt jeder, eine Meinung zu haben, die die ganze Welt unbedingt hören müsse“, Neue Zürcher Zeitung 13.2.2018

Viele Jahre hat der serbische Schriftsteller David Albahari in Kanada gelebt. Jetzt ist er in seine Heimat zurückgekehrt und lebt in der Nähe von Belgrad. Andreas Breitenstein hat ihn gefragt wie es ist, wenn eine Geschichte den Autor sucht und nicht der Autor die Geschichte:

„Wenn ich zu schreiben anfange, habe ich kaum je die fertige Story im Kopf. Die ersten Sätze setzen ein Feuer in Gang. Es entsteht ein Prozess des Entdeckens, der während der ganzen Niederschrift anhält. Eigentlich erzähle ich die Geschichte ja mir selbst, und wenn es Leute gibt, die sich dafür begeistern, um so besser.“
(…) „Schreiben ist für mich der Sprung von einer niederen zu einer höheren Ebene der Erkenntnis, die Dinge geraten in Bewegung durch kleine strukturelle Verschiebungen.“
Andreas Breitenstein: „Manchmal reicht ein einziger Satz“, Neue Zürcher Zeitung 16.3.2018

„Ich habe keine grössere Vorstellungskraft als Sie oder andere Menschen. Ich habe lediglich mein Leben damit verbracht, sie auf eine bestimmte Weise zu verwenden. Künstler sind keine besonderen Menschen, wir sind keine Priester, keine Schamanen, keine Götter. Wir sitzen lediglich in unseren Zimmern und verbringen die Zeit damit, uns vorzustellen, was es heißt, lebendig zu sein. Was es heißt, zu leiden oder glücklich zu sein, jemanden zu lieben. Das ist der einzige Unterschied, und dabei handelt es sich in Wahrheit nicht einmal um einen Unterschied.“
Thomass David: „Heute glaubt jeder, eine Meinung zu haben, die die Welt unbedingt hören müsse“, Neue Zürcher Zeitung 13.2.2018

„Wenn Sie nicht bis … zahlen, passiert …“ eine typische Erpresserbotschaft. Aber dass auch Erpresser unter einer Schreibhemmung leiden können ist schwer vorstellbar, aber durchaus möglich.
Wer Material für seinen Thriller braucht, für den hat der Brandstätter Verlag im vergangenen Jahr ein interessantes Buch herausgebracht:
„Böse Briefe. Die Geschichte des Drohens und Erpressens“ von Ernst Strouhal und Christoph Winder. Hintergrundinformation zu den verschiedenen Beispielen gibt es jede Menge, dazu Bildmaterial und Fall- und Persönlichkeitsbeschreibung des Täters und wie man ihn überführt hat.

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