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Binge Watching oder Serienmarathon, was Filmkonsumenten verführt, zusammen mit einer Vorstellung der beliebtesten Serien hat Leonie Feuerbach im Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14.9.2019 behandelt. Für Drehbuchautoren und Film-Fans aufschlussreich und anregend:

„In einem Fernsehkrimi wird der Schurke am Ende der 90 Minuten verhaftet, davor verfolgen Ermittler und Zuschauer meist mehrere falsche Fährten. Das immer gleiche Muster führt zu Überdruss. In guten Serien ist noch nach 200 Minuten unklar, ob der Protagonist gut oder böse ist. Über viele Stunden entwickeln Serienfiguren eine Charaktertiefe, wie es sie im Film kaum geben kann. (…)
Anders als ein Fernsehfilm werden die Serien von Streaming-Plattformen zudem nicht für ein möglichst großes Publikum produziert sondern für kleine Zielgruppen. Jeder Geschmack soll bedient werden, wie in einer Videothek mit großer Auswahl. Hier wie dort gibt es lustige, rührende und düstere Geschichten zu entdecken, und was manche sich niemals anschauen würden, ist für andere ein Juwel. Und wie in einer Videothek hat niemand genug Zeit, alles zu sehen, was angeboten wird. Tatsächlich hat Netflix-Chef Reed Hastings auf die Frage nach der größten Konkurrenz mal geantwortet: „Schlaf“.

Niemand glaubte dass der Schulabbrecher und zeitweilig Obdachlose ein bekannter schweizer Schriftsteller werden würde, den man heute als „wichtigsten Interlektuellen seiner Generation“ bezeichnet. Er hat den Büchern-Preis erhalten, mischt sich in die Politik ein und ist bescheiden geblieben:

„Als Künstler ist man immer Hochstapler! Ich bin als Schriftsteller darauf angewiesen, dass Menschen das, was ich sein will, auch akzeptieren. Mein Handwerk ist nicht objektiv messbar. Meine Kunst kommt erst durch Begegnung (mit dem Leser) zum Ausdruck. Ich kann mir meinen Wert nicht selbst geben, das geht nur mit dem Gegenüber.“
„Der Umgang mit Ängsten, Abgründen und Dingen, die man nicht versteht, ist die primäre Aufgabe des Schreibens. Ich kann keinen Roman verfassen über en rwandischen Genozid, ohne diese Angst und dieses Erschrecken zu empfinden. Die Kunst hat die Kraft der Verwandlung. Wir können die Angst in etwas Produktives verwandeln, das mitteilbar ist. Das ist befreiend und inspiriert auch andere.“
aus: Begabung? Ich glaube an Leidenschaft von Sacha Batthyany und Daniel Meier, Neue Zürcher Zeitung 14.2.2019

„Ich begann mit dem zweiten Buch als das erste noch gar nicht erschienenen war. Ich schrieb also nach dem Erfolg (des ersten) einfach weiter und musste nicht neu beginnen. Ich schreibe, weil ich etwas erzählen will. Natürlich will ich auch gehört werden, das gehört zum Publizieren dazu. Aber ich schreibe nicht für das Publikum. Es freut mich, wenn meine Bücher gelesen werden und wir uns darüber unterhalten können.“
Digestif – von Céline Tapis in Lesen 1/2019 Orell Füssli

„Ich habe in meine Werke so viele Rätsel und Geheimnisse hineingebracht, dass es die Professoren jahrhundertelang beschäftigen wird, zu diskutieren, was ich meinte, und das ist der einzige Weg, sich der Unsterblichkeit zu versichern.“

„Ich muss wissen, warum ich etwas schreibe. Vorher setze ich mich nicht an den Schreibtisch. Sich von Emotionen oder einem Bauchgefühl irgendwohin treiben zu lassen, das bin nicht ich. Ich brauche ein klares Ziel. Zack, da will ich hin.“

„Ohne das Storyboard, das ich mit magnetischer Farbe an die Wand über dem Schreibtisch gemalt habe, kann ich schwer arbeiten. Ich muss die Dramaturgie meiner Stück grafisch vor mir sehen, um den Überblick zu behalten.
Manchmal pinne ich auch Dialoge an die Wand. So erkenne ich, wo der Rhythmus holpert. Dialoge müssen tönen, damit sie uns berühren. Ich höre nie Musik, wenn ich schreibe. Das würde den Rhythmus meiner Texte durcheinanderbringen.
aus: annabelle 3/2019

Extrem wichtig ist es mir, Dialoge zu schreiben, die man nicht hundertmal in Filmen oder Stücken gehört hat. Das ist nicht immer einfach, grad wenn es sich um klassische Situationen handelt, etwa eine Beziehungskrise, wie wir sie in allen möglichen Varianten aus dem Kino kennen. Da muss man um die Ecke denken: Wie könnte der Dialog anders funktionieren?
aus: annabelle 3/2019

Schreibst du eigentlich gern?, hat Céline Tapis die Schriftstellerin gefragt, die gleich für ihren Debütroman „Elefanten im Garten“ für den Schweizer Buchpreis nominiert war:
„Nein, es gibt viele Dinge, die ich lieber tue. Aber jeder hat ein Instrument, um das zu erzählen, was er oder sie erzählen will. Man kann mit Film, Musik, mit Tanz oder Performance erzählen. Ich schreibe, das habe ich schon als Kind getan. … Schreiben hat etwas Brutales. Da sind nur Buchstaben, Schwarz auf Weiß. Es ist ein Ringen um Worte, ein Versuch, das Gefühl im Bauch zu übersetzen. Ich arbeite lang an Texten, ich könnte kein Buch in einem Jahr schreiben. Aber ich mag es, wenn die Dinge nicht bloss flach sind, wenn Reibung entsteht, ich mich bemühen muss.“
aus: Digestif Céline Tapis – Lesen 1/2019 Orell Füssli

Martina Läubli hat den erfolgreichen schweizer Schriftsteller für die Neue Zürcher Zeitung interviewt und ihn gefragt: Macht schreiben glücklich? „Ja, definitiv“, meint Joel Dicker, der erstaunlich früh am Tag an die Arbeit geht … heute habe ich um vier Uhr angefangen.“ Und das ohne Notizen oder Entwurf „Ich vertraue meinem Instinkt“.
An seine Leser und ihre Erwartungen denkt er beim Schreiben nicht, denn „Mein Ziel ist es, ehrlich zu sein. Es ist natürlich wunderbar, ein Projekt mit vielen Menschen zu teilen, aber vorher arbeite ich sehr lange allein. Zwei bis drei Jahre für einen Roman, zwölf Stunden am Tag, das ist ein langer Prozess. Das könnte ich nicht durchhalten , wenn ich es nur für andere täte. Wenn ein Roman fertig ist, habe ich natürlich ein bisschen Angst und hoffe, dass die Leute ihn mögen. Aber was mich antreibt, ist die Freude am Schreiben. Sonst könnte ich keine Geschichten mit so vielen Wendungen und Personen entwerfen.“
aus: „Ich erfahre im Ausland viel mehr Anerkennung“ Interview Martina Läubli, Neue Zürcher Zeitung 24.3.2019

„Ich bin glücklich, wenn ich schreibe. Ich arbeite furchtbar gern. Wenn ich morgens vor meinem Schreibtisch stehe, weiss ich, dass mir genau sechs kostbare Stunden bleiben, bis ich die Kinder von der Schule abholen muss. Seit wir eine Familie sind, hat die Zeit für mich eine andere Bedeutung. Ich arbeite fokussierter, weil mein Spielraum zum Schreiben begrenzt ist.“
aus: annabelle 3/2019

Im Herbst vorigen Jahres hat Daniel Kampa den Kampa Verlag gegründet, nach 20 Jahren bei Diogenes. Allerdings startete er nicht mit leeren Händen: Die Rechte an George Simenons immer noch erfolgreichen Kriminalromanen, Erzählungen und anderen Texten sind nun nicht mehr beim Diogenes Verlag.

Wer Daniel Kampa fragt, wie er dazu kommt in Zeiten rückläufiger Buchverkäufe einen neuen Verlag zu gründen, lernt einen Optimisten kennen: „Man darf sich nicht entmutigen lassen“, ist seine Einstellung. Und die basiert auf der Überzeugung: „Die Menschen werden immer Lust haben, eine Geschichte zu erzählen und eine Geschichte anzuhören. Es geht ja nicht um Bücher, es geht um Geschichten. Wir brauchen Geschichten zum Leben. Das wird nie aufhören, solang es Menschen gibt.“
Und darum, liebe Autorinnen und Autoren, erzählen Sie bitte weiter – Sie werden gebraucht, damit es auch weiter immer neue Geschichten gibt.
Zitate aus: Christiane von Korff: Wir brauchen Geschichten zum Leben – BücherMagazin 2/2019

Zum Erscheinen ihres 560 Seiten starken Romans „Das Ministerium des äußersten Glücks“, Verlag S. Fischer erschien im Spiegel 30/2017 ein umfassender Beitrag über das kompromisslose Engagement der indischen Schriftstellerin für die Schwachen und Unterpriviligierten in ihrem Land: Ihre Stellung als Frau hätte ihr eigentlich nicht erlaubt, sich öffentlich so kritisch zu vielen Bereichen des politischen Lebens zu äußern: „Es gab eine Zeit, da waren Schriftsteller gefährliche Menschen. Heute sollen wir Bestseller schreiben und – wenn möglich – gut aussehen.“

Die indische Schriftstellerin findet, das Größte am literarischen Schreiben sei: Das Außer-Kontrolle-Sein. Dann steuere nicht sie den Verlauf der Geschichte, sondern die Figuren, deren Stimmen sie höre und deren Anweisungen sie folge.

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