Die Hausfrau fröhlich das Badezimmer saugt, ist es doch das letzte ihrer Hausarbeit. Schnell noch die Wäsche aus dem Trockner geklaubt und fertig. Doch, was ist das? Vor dem Trockner auf dem Boden? Ein Entsetzensschrei ihren Lippen entwisch und ein Mordgedanke durch ihr Hirn sich schlich. Nun ist endgültig Schluss, der Gatte dafür büßen muss. Man fand den Ermordeten drei Tage später, doch wer war der Täter? Das Motiv lag klar auf der Hand, es war das zerbröselte Papiertaschentuch, das man fand.
Und die Moral von der Geschicht‘, vor dem Trockner leeren sauge nicht.

Felix brauchte nie Zahnbürsten. Er hatte Carla.
Carla trug schon in Kindertagen ihren Kopf sehr hoch. Als sie heranwuchs, blieb
sie lange Single. Doch schließlich kam ein Abend, an dem sie sich in Felix
verliebte, der keine Zahnbürsten mochte und sehr klein war. Fortan senkte
Carla ihr Haupt.
Felix sprach leise. Damit sie ihn gut hören konnte, richtete er sein Gesicht stets
nach oben, und das erste, was er sah, war Carlas Nasenspitze, die rund und
weich und zuweilen ein wenig glänzend war. Carlas Nasenspitze schien nicht zu
altern, das gefiel Felix an Carla besonders.
Sie hingegen fand von Anfang an großes Vergnügen daran, ihm auf den Mund
und natürlich auch in den Mund zu sehen. Am Anfang wagte sie nur, seine
Zähne anzuschauen, die ein wenig verkantet standen. In einer Mischung aus
Fürsorge und Erotik traute sie sich aber bald, mit ihren vornehmen
Fingernägeln Essenreste aus den Ecken seiner Zähne hervorzuknibbeln.
Sie küsste Felix gern lange, ausgiebig und atemberaubend. Manchmal fiel er
dabei in Ohnmacht. Das hörte auch nach 30 Jahren Liebesleben nicht auf.

fiep fiep fiep fiep
knirsch fiep knirsch knirsch fiep fiep
knirsch knirsch fiep fiep
fiep fiep fiep
Peng!
flatter flatter flatter flatter

Schreibwettbewerb „Short-Shortstorys schreiben“

Der fünfunddreißig Jahre alte Mann steht auf seinem Balkon im sechsten Stock und betrachtet voll Freude das Wachsen seiner Radieschen im Blumenkasten. Plötzlich beginnen die Pflanzen in der Erde zu verschwinden, eine nach der anderen, als würden sie von etwas Unsichtbarem hinuntergezogen. Bestürzt beugt sich der Mann vor. Die Radieschen sind nicht mehr zu sehen, an ihre Stelle sind kleine Krater getreten. Entsetzen ergreift den Mann. Mit beiden Händen greift er in die Löcher, tastet, wühlt, bis er im letzten doch noch zuerst den Stängel, dann die Wurzel eines Radieschens zu fassen bekommt. Die Pflanze zieht ihn mit großer Kraft mit sich. Verzweifelt klammert der Mann sich an ihr fest. Er kommt nicht gegen die Kraft an, kopfüber wird er vom immer größer werdenden Loch verschluckt. Voll Todesangst öffnet er die Lippen zu einem Hilfeschrei an seine Frau. Doch keinen Ton bringt er hervor; er spürt, wie schwere, kalte Erde seinen Mund füllt, ihm die Luft zum Atmen raubt, und erwacht. Neben ihm liegt ruhig schlafend seine Frau.

Tags darauf öffnet der Mann mit zitternden Fingern den eben erhaltenen Brief. Das Ergebnis der Untersuchungen, so teilt ihm der Arzt mit, weise auf Zeugungsunfähigkeit hin.

Felix Knapp meldete sich zu Wort. Nervös richtete er seinen Körper auf. Der rechte Arm war schon lange in die Höhe gestreckt. Er vernahm ein Murmeln seine Richtung: „Ja. Dann, wenn ich fertig bin, Knapp.“ Der Vortrag der Geschichtsprofessorin dauerte bis kurz vor Unterrichtsende.
„Was war denn deine Frage, Felix?“
„Kann man es so sehen, dass die 68-Bewegung eine Auswirkung, der zu wenig umgesetzten Erklärung der Menschenrechte von 1948 war; diese eine Folge des Niederstreckens des NS-Terrors? Und war die Machtergreifung Hitlers nicht eine Konsequenz des Scheiterns der 1918 gegründeten Republik Österreich? Ist die Revolution von 1848 eigentlich als geglückt zu betrachten?“
„Nein, um Gottes willen!“, rief Frau Professor Wille, „so kann man das nicht sehen. Alles verkürzt, Knapp!“
Die Pausenglocke läutete.
Felix Knapp bekam weder eine Andere, noch eine ungekürzte Antwort.

Ich sitze am Schreibtisch und rede über Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, während das Blut in meine Schuhe sickert. Mein rechter Fuß ist ganz nass.
„Haben Sie schon einen Bauplatz?“ frage ich das junge Pärchen, während ich den Fuß unauffällig näher zu mir heran ziehe. Ich bin froh, dass der Schreibtisch an der Rückseite bis auf einen schmalen Spalt verkleidet ist.
„Ja“, antworten beide wie aus einem Mund.
Den hatten wir damals auch.
Wir saßen genauso hoffnungsvoll in diesem Musterhaus. Der Berater war jung und dynamisch, notierte sich unsere Wünsche, unterbreitete uns ein Angebot und wir unterschrieben.
Aber er verschwieg uns zu viel. Was wir dachten, gekauft zu haben, hatten wir nicht gekauft. Es hätte zu einer Nachfinanzierung kommen müssen, die konnten wir uns nicht leisten, wir kamen mit zehn Prozent Vertragsstrafe aus dem Vertrag heraus. Dreißigtausend Euro. Damit kann man eine junge Familie ruinieren. Wir leben immer noch zur Miete.
„Wie wird das Haus geheizt?“ reißt mich die Frau aus den Gedanken.
„Äh, Wärmepumpe?“ rate ich. Um die Dinge hat sich damals mein Mann gekümmert.
Ich kümmerte mich um den Abschluss des Dramas.
Monate später führten mich meine morgendlichen Spaziergänge immer näher an die Musterhaussiedlung heran. Irgendwann stand ich plötzlich in seinem Büro. Durchgeschwitzt, die Sonne brannte vom Himmel. Er erkannte mich nicht. Ich war nur ein Opfer unter vielen.
Ich hatte keinen bestimmten Plan, aber als er sich umdrehte und nach einem Ordner bückte, sah ich den schweren Lampenfuß, der mir schon bei unserem ersten Gespräch durch seine Protzigkeit aufgefallen war.
Ehe ich verschwinden konnte, betrat dieses Pärchen das Haus.
„Nein!“ verbessere ich mich: „Erdwärme!“
„Ach, Erdwärme“, sagt die junge Frau interessiert. „Deshalb riecht es hier so erdig, so eisenhaltig. Hängt das mit der Bohrung zusammen?“
„Unsinn!“ schnappe ich. „Wir haben Juli, da wird nicht geheizt.“ Ich stelle meinen linken Fuß über den rechten, stoße dabei gegen etwas Weiches.
„Doch“, fällt der Mann ein. „Ich rieche es auch. Der Geruch kommt unter dem Schreibtisch hervor.“ Er beugt sich vor und presst sein Gesicht an den schmalen Spalt.

Heute mache ich einen Ausflug in die Stadt. Ein herrlicher Tag. Die Sonne scheint, die Vöglein trällern ihre Melodien fröhlich vor sich hin. So macht das Leben Freude.
Gott sei es gedankt, vor mir kein einziges Fahrzeug. So kann ich die Fahrt genießen. Ich habe Zeit. Das Radio habe ich mit voller Lautstärke laufen – Louis Armstrong: „What a wonderful world“. Perfect day.
Nur eine Verkehrsmeldung stört die Idylle:
„Achtung, Stau auf der Landstraße zwischen A und B. rechnen Sie mit Verzögerungen…“
Sonderbar. Das ist die Straße, auf der ich fahre. Weit und breit kein Stau. Wo haben die das her? Typisch Radio. Der Stau war wohl gestern. Ich sehe nichts, nur ab und an kommt mir ein Fahrzeug entgegen, manche blinken mich mit den Scheinwerfern freundlich an und winken mir zu.
Hinter mir das Fahrzeug sehe ich im Rückspiegel. Der Fahrer winkt mir freundlich zu – ich winke freundlich zurück. Da freut sich das Herz und die Seele, wenn dir soviel Freundlichkeit entgegenkommt. Ist ja sonst nicht so üblich. Danke, meine Lieben.
Nach einigen Kilometern wird die Straße breiter. Nun können die, die es eilig haben mich überholen. Und davon machen sie fleißig Gebrauch. Aber was ist jetzt. Plötzlich scheinen alle im Stress zu sein. Statt freundlich winkender Hände sehe ich nur auf einmal geballte Fäuste, zornesrote Gesichter. Und Schimpfwörter. Liebe Leute, wenn die das zu mir sagen würden, dann würde ich ganz schön beleidigt sein: „Sonntagsfahrer, Trottel, Schleicher“ hör ich da von allen Seiten. Manche tippen sich sogar mit dem Finger an die Stirn!
Ich habe also recht. Je schneller gefahren werden kann, umso aggressiver werden die Menschen. Umso mehr kommen sie in Stress, werden unleidlich, können die Umwelt nicht mehr genießen.
Da lobe ich mir mein kleines Fahrzeug – mein neues Moped-Auto – das geht zwar langsam, aber sicher – und wie man sieht, es lässt dennoch jeden Stau hinter sich. Fahrt zu, meine Lieben, der nächste Stau kommt bestimmt.
(Nach einer Idee von Aloisia Secnicka, Obergrafendorf (Austria), mit freundlicher Genehmigung)

Eine Frau kaufte eine Hose, und als sie – zu Hause angekommen – die Hose inspizierte, fand sich in der rechten Tasche ein Mann. Der Mann bat darum, in der Tasche bleiben zu dürfen, er würde auch nicht weiter stören, nur hin und wieder würde er aus der Tasche unauffällig in die Welt blicken.
Bald verschmutzte die Hose ein Fleck, und die Frau, später befragt, was sie gedacht habe, als die Hose in der Waschtrommel schleuderte, sagte zu ihrer Rechtfertigung nur, den Mann habe sie schlichtweg vergessen.

Man bezichtigte ihn der Vetternwirtschaft. Er, der sein ganzes Leben lang der Umwertung der Werte die Stirn geboten hatte, verstand die Welt nicht mehr und machte vor niemandem daraus einen Hehl. Die Familienbande zu stärken, das eigene Blut nicht zu vergessen, aber auch die Werte der Freundschaft hochzuhalten, in Freud und Leid einander beizustehen, helfend, unterstützend, gleichermaßen fördernd wie fordernd – in alle Mikrophone, die sie ihm hinhielten, nannte er das gelebte Solidarität.
Was konnte daran falsch sein?

Als Sebastian feststellte, dass er lange genug auf den Geräteschuppen im hinteren Teil des Gartens gestarrt hatte, schloss er das Fenster und setzte sich an seinen Schreibtisch. Der war genauso unaufgeräumt wie sein Leben. Alles schrie nach einer Neuordnung. Warum war nur alles so aus dem Ruder gelaufen? Darüber würde er sich wohl ein paar regulierende Gedanken machen müssen. Er legte die unerledigte Post zur Seite, leerte den vollen Aschenbecher im Papierkorb und knipste die Schreibtischlampe ein paar Mal an und aus. Dann verharrte sein Blick auf dem Spender mit dem Klebeband, der in der Mitte zwischen Lampe und Postablage stand. Vorsichtig zog er an einem Stück Band, riss es aber nicht an der gezackten, scharfen Kante ab, sondern sah es nur an. Dann nahm er das Band zwischen Daumen und Zeigefinger. Es pappte am Daumen, der Zeigefinger schwebte frei. Ganz langsam löste er das Band vom Daumen ab. Der Abdruck darauf war deutlich zu sehen. Der nahm das Band wieder zwischen Daumen und Zeigefinger und streifte es auf dieselbe Weise ab. Das wiederholte er drei Mal. Auf dem Klebestreifen waren jetzt jede Menge Daumenspuren zu sehen. Er war nicht mehr ganz durchsichtig, die Abnutzung hatte ihn zerknittert und nach dem fünften leichten Daumendruck blieb er nicht mehr haften, klebte nicht mehr. Fasziniert starrte Sebastian auf das verbrauchte Stück Klebeband, das schlapp aus dem Ständer hing.

Eigenartig. Heute Morgen hatte er mit seiner Frau über die Möglichkeit einer Scheidung gesprochen. Sie war der Zeigefinger und er schien der Daumen zu sein.

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