Was da war – Lorbeerkirsche, erste Finger der Eberesche, im Nachbarsgarten Vergissmeinnicht, Katzengrab; in unserem wild der Löwenzahn. Ich blickte – efeubewachsen – den Stamm der Kirsche hinauf zum Ast, zum Blatt, den letzten Blüten – und Blau der Himmel, darunter Dein Strohhut, Deine Brille, Du.
Die Vögel und ihre immer jungen Lieder hörte ich an diesem Nachmittag, der niemandem gestohlen war – nur der Zeit.

Aus den Einsendungen zum Erscheinen von „Short-Shortstorys schreiben – Kürzestgeschichten schreiben“ von Roberta Allen.

einmal gehe ich spazieren. hinter einer reihe von tannen höre ich rufe. ich folge den stimmen und gelange zu einem fußballfeld, auf dem gerade ein spiel im gange ist. eine rosafarbene mannschaft spielt gegen eine blaue. das spiel macht einen hitzigen und zugleich fahrigen eindruck. die rosafarbenen spieler wirken ungeschickt, verzweifelt, immer wieder schießen sie den ball in unsinnige richtungen und greifen sich anschließend fassungslos an die köpfe. ein tragisches spiel, sagt plötzlich eine stimme. ich blicke mich um. hinter mir steht ein braun gebrannter mann mit leuchtend weißen zähnen. Er lächelt mir zu, stellt sich neben mich und beginnt zu erzählen: die rosafarbene mannschaft, so erklärt er, sei eigentlich weiß. doch die frau vom torwart habe die trikots aus versehen mit einer roten socke zusammen gewaschen und die ganze wäsche dadurch rosa verfärbt. die mannschaft habe sich daraufhin geweigert zu spielen, aber das schiedsgericht hatte darauf bestanden, dass… aaahr! genau an dieser stelle wird unser gespräch von einem schrei unterbrochen. aaahr! der schrei gellt heiser über den platz, und mit entsetzen sehe ich, wie der stürmer der rosa mannschaft mit gesenktem kopf über das spielfeld rast, in das gegnerische tor stürzt und mit dem kopf im tornetz hängen bleibt. immer noch schreiend hängt er dort, kann weder vor noch zurück und schnappt nach luft, wobei ihm die nylonschnüre ins gesicht schneiden. der anblick ist unerträglich. ich verabschiede mich von dem mann mit den weißen zähnen und gehe weiter.

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Hübsch sind sie, die drei jungen Männer in der Boutique. Begutachten Seidenhemden, feine Sakkos und Hosen. Die Verkäuferin sortiert Pullover. Sie hängen alles über den Arm, gehen im Gänsemarsch langsam in Richtung Kasse, daran vorbei zum Ausgang. Die Verkäuferin startet durch. Die jungen Männer ebenfalls. Noch hübscher werden sie aussehen.

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Der alt gewordene Casanova mit seinem ledernen Teint lehnt sich weit aus dem Schiebefenster des Strandkiosk und hält mir meinen Cappuccino entgegen. Am Handgelenk baumelt ein Kettchen. „Darf es noch was sein, junge Dame?“, fragt er in norddeutscher Breite. Unter den buschigen Augenbrauen blitzen blaue Augen. Ich schüttele den Kopf und halte ihm einen Fünf-Euro-Schein hin. Das Wechselgeld lässt er in der Luft tanzen. Casanova in Hochform. Ich balanciere meinen Cappuccino zum Kiosk-Strandkorb, der eben noch in der Sonne stand. Jetzt nehmen dunkle Wolken Lauerstellung über ihm ein. Urlauber in Hot-Pants, Sandalen und Regenjacken ziehen die Schultern hoch, Wind kommt auf, dann fallen die ersten Tropfen. Ich verkrieche mich im Strandkorb, er riecht nach Plastikbezug und feuchtem Bast. Aus den Regentropfen werden Fäden, ich ziehe meine Füße an den Körper hoch, auf den Plastikbezug und klappe das Vordach runter.

Gegenüber auf dem Reetdach des Kiosks sammeln sich dünne Rinnsale. Den Urlaubern, die sich an die blaue Holzwand des Kiosks pressen, tropft es in die Kragen. Unter einem Sonnenschirm harrt am weißen Plastiktisch eine Familie über Pommes und Currywurst aus. Der Mutter bläst der Wind den Regen in den Rücken. Der Vater zündet sich im ketchuproten Mundwinkel eine Zigarette an.
Der Regen kommt nun mit Wucht vom Himmel und trifft auf das Vordach. Rechts neben meinem Bein platscht er in eine Pfütze neben dem Strandkorb und verteilt feine Wasserwege auf meine sandigen Zehen. Casanovas Stimme klingt aus der Durchreiche zu mir rüber. „Muttern“, ruft er jetzt harsch. Die steht wohl drinnen unsichtbar an der Fritteuse.

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Die Hausfrau fröhlich das Badezimmer saugt, ist es doch das letzte ihrer Hausarbeit. Schnell noch die Wäsche aus dem Trockner geklaubt und fertig. Doch, was ist das? Vor dem Trockner auf dem Boden? Ein Entsetzensschrei ihren Lippen entwisch und ein Mordgedanke durch ihr Hirn sich schlich. Nun ist endgültig Schluss, der Gatte dafür büßen muss. Man fand den Ermordeten drei Tage später, doch wer war der Täter? Das Motiv lag klar auf der Hand, es war das zerbröselte Papiertaschentuch, das man fand.
Und die Moral von der Geschicht‘, vor dem Trockner leeren sauge nicht.

Felix brauchte nie Zahnbürsten. Er hatte Carla.
Carla trug schon in Kindertagen ihren Kopf sehr hoch. Als sie heranwuchs, blieb
sie lange Single. Doch schließlich kam ein Abend, an dem sie sich in Felix
verliebte, der keine Zahnbürsten mochte und sehr klein war. Fortan senkte
Carla ihr Haupt.
Felix sprach leise. Damit sie ihn gut hören konnte, richtete er sein Gesicht stets
nach oben, und das erste, was er sah, war Carlas Nasenspitze, die rund und
weich und zuweilen ein wenig glänzend war. Carlas Nasenspitze schien nicht zu
altern, das gefiel Felix an Carla besonders.
Sie hingegen fand von Anfang an großes Vergnügen daran, ihm auf den Mund
und natürlich auch in den Mund zu sehen. Am Anfang wagte sie nur, seine
Zähne anzuschauen, die ein wenig verkantet standen. In einer Mischung aus
Fürsorge und Erotik traute sie sich aber bald, mit ihren vornehmen
Fingernägeln Essenreste aus den Ecken seiner Zähne hervorzuknibbeln.
Sie küsste Felix gern lange, ausgiebig und atemberaubend. Manchmal fiel er
dabei in Ohnmacht. Das hörte auch nach 30 Jahren Liebesleben nicht auf.

fiep fiep fiep fiep
knirsch fiep knirsch knirsch fiep fiep
knirsch knirsch fiep fiep
fiep fiep fiep
Peng!
flatter flatter flatter flatter

Schreibwettbewerb „Short-Shortstorys schreiben“

Der fünfunddreißig Jahre alte Mann steht auf seinem Balkon im sechsten Stock und betrachtet voll Freude das Wachsen seiner Radieschen im Blumenkasten. Plötzlich beginnen die Pflanzen in der Erde zu verschwinden, eine nach der anderen, als würden sie von etwas Unsichtbarem hinuntergezogen. Bestürzt beugt sich der Mann vor. Die Radieschen sind nicht mehr zu sehen, an ihre Stelle sind kleine Krater getreten. Entsetzen ergreift den Mann. Mit beiden Händen greift er in die Löcher, tastet, wühlt, bis er im letzten doch noch zuerst den Stängel, dann die Wurzel eines Radieschens zu fassen bekommt. Die Pflanze zieht ihn mit großer Kraft mit sich. Verzweifelt klammert der Mann sich an ihr fest. Er kommt nicht gegen die Kraft an, kopfüber wird er vom immer größer werdenden Loch verschluckt. Voll Todesangst öffnet er die Lippen zu einem Hilfeschrei an seine Frau. Doch keinen Ton bringt er hervor; er spürt, wie schwere, kalte Erde seinen Mund füllt, ihm die Luft zum Atmen raubt, und erwacht. Neben ihm liegt ruhig schlafend seine Frau.

Tags darauf öffnet der Mann mit zitternden Fingern den eben erhaltenen Brief. Das Ergebnis der Untersuchungen, so teilt ihm der Arzt mit, weise auf Zeugungsunfähigkeit hin.

Felix Knapp meldete sich zu Wort. Nervös richtete er seinen Körper auf. Der rechte Arm war schon lange in die Höhe gestreckt. Er vernahm ein Murmeln seine Richtung: „Ja. Dann, wenn ich fertig bin, Knapp.“ Der Vortrag der Geschichtsprofessorin dauerte bis kurz vor Unterrichtsende.
„Was war denn deine Frage, Felix?“
„Kann man es so sehen, dass die 68-Bewegung eine Auswirkung, der zu wenig umgesetzten Erklärung der Menschenrechte von 1948 war; diese eine Folge des Niederstreckens des NS-Terrors? Und war die Machtergreifung Hitlers nicht eine Konsequenz des Scheiterns der 1918 gegründeten Republik Österreich? Ist die Revolution von 1848 eigentlich als geglückt zu betrachten?“
„Nein, um Gottes willen!“, rief Frau Professor Wille, „so kann man das nicht sehen. Alles verkürzt, Knapp!“
Die Pausenglocke läutete.
Felix Knapp bekam weder eine Andere, noch eine ungekürzte Antwort.

Ich sitze am Schreibtisch und rede über Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, während das Blut in meine Schuhe sickert. Mein rechter Fuß ist ganz nass.
„Haben Sie schon einen Bauplatz?“ frage ich das junge Pärchen, während ich den Fuß unauffällig näher zu mir heran ziehe. Ich bin froh, dass der Schreibtisch an der Rückseite bis auf einen schmalen Spalt verkleidet ist.
„Ja“, antworten beide wie aus einem Mund.
Den hatten wir damals auch.
Wir saßen genauso hoffnungsvoll in diesem Musterhaus. Der Berater war jung und dynamisch, notierte sich unsere Wünsche, unterbreitete uns ein Angebot und wir unterschrieben.
Aber er verschwieg uns zu viel. Was wir dachten, gekauft zu haben, hatten wir nicht gekauft. Es hätte zu einer Nachfinanzierung kommen müssen, die konnten wir uns nicht leisten, wir kamen mit zehn Prozent Vertragsstrafe aus dem Vertrag heraus. Dreißigtausend Euro. Damit kann man eine junge Familie ruinieren. Wir leben immer noch zur Miete.
„Wie wird das Haus geheizt?“ reißt mich die Frau aus den Gedanken.
„Äh, Wärmepumpe?“ rate ich. Um die Dinge hat sich damals mein Mann gekümmert.
Ich kümmerte mich um den Abschluss des Dramas.
Monate später führten mich meine morgendlichen Spaziergänge immer näher an die Musterhaussiedlung heran. Irgendwann stand ich plötzlich in seinem Büro. Durchgeschwitzt, die Sonne brannte vom Himmel. Er erkannte mich nicht. Ich war nur ein Opfer unter vielen.
Ich hatte keinen bestimmten Plan, aber als er sich umdrehte und nach einem Ordner bückte, sah ich den schweren Lampenfuß, der mir schon bei unserem ersten Gespräch durch seine Protzigkeit aufgefallen war.
Ehe ich verschwinden konnte, betrat dieses Pärchen das Haus.
„Nein!“ verbessere ich mich: „Erdwärme!“
„Ach, Erdwärme“, sagt die junge Frau interessiert. „Deshalb riecht es hier so erdig, so eisenhaltig. Hängt das mit der Bohrung zusammen?“
„Unsinn!“ schnappe ich. „Wir haben Juli, da wird nicht geheizt.“ Ich stelle meinen linken Fuß über den rechten, stoße dabei gegen etwas Weiches.
„Doch“, fällt der Mann ein. „Ich rieche es auch. Der Geruch kommt unter dem Schreibtisch hervor.“ Er beugt sich vor und presst sein Gesicht an den schmalen Spalt.

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